213, 205, äh 181, hä? Ach mist! Ich muss nochmal von vorne anfangen...
Datum schauen und Tage zählen in Togo! Mein beliebtes Hobby für traurige einsame Stunden, in denen ich mir vorstellte, bald irgendwann wieder zuhause zu sein. Bekannt für meine Genauigkeit: "Ey, Sabsab, wie lang ist noch?" - "In zwei Stunden noch 131 Tage bis zum Abflug." Zack, Bumm. Danke für die exakte Angabe, muss ich zugeben: ich schludere in letzter Zeit und bin entgegen des Mainstreams als einzige dafür, Monaten mehr Tage zu zugestehen als weniger. Als man mir letztens sagte "Für dich sind es ja eh nur noch 6 Wochen!", ging mir das Herz in die Hose. "WAAAAS?", schrie ich auf und war beglückt, dass ich feststellte, doch noch sieben Wochen zu haben! Unfassbar. Nach acht Monaten (oder sind es schon neun?), befinde ich mich gerade in einer solchen Hochphase, dass ich mich fragen muss, ob Inno mir nicht irgendetwas in den Fufu mischt. Oder vielleicht ist es auch der Schlafmangel. Schlafen tue ich nämlich aus Prinzip nicht mehr, da sowieso überbewertet. Ich bin die ganze Zeit auf Achse, kann den Mund nicht mehr halten und beglücke jeden mit meiner wahrscheinlich nervenden Aussage "Oh man, ich kann mir nicht vorstellen nach Hause zu fahren!" Ob man es versteht oder nicht, ich bin bereits jetzt im Abschiedsmodus. Ich mache Dinge zum letzten Mal. Und das wahrscheinlich nochmal ein paar Mal mehr, bis es wirklich das letzte Mal sein wird. Ich will nach Hause, keine Frage. Ich freue mich auf so viele Menschen und auf alles. Dennoch, das Gefühl, dass ein großer Abschnitt meines Lebens damit vorbei geht, will nicht verschwinden und lässt mir keine Ruhe. Schon jetzt stellen sich die Fragen ein. Hast du deine Zeit genutzt? Hast du auch wirklich alles gegeben? Hättest du nicht noch einen Englischclub, Deutschclub einführen können und der Bibliothek Strom schenken können? Was ist eigentlich mit dem Workc.... geil, hör mal, das Lied! Und schon wieder sind die Gedanken weg. Ich lass mir meine überaus gute Laune nicht wegrationalisieren durch irgendwelche negativen Gedankenströme, die ich zuhause in Deutschland bei schlechtem Sommerwetter auch noch durchkauen kann. Jetzt genieß ich erstmal.
Ab nächster Woche ist das Schuljahr zu Ende. Ich habe meinen letzten regulären Unterricht am Dienstag gehalten und wurde mit "Sasaaaaa, wir wollen noch ein Bild mit dir machen!" begrüsst. Da stellt sich die Frage nach meinem autoritären Unterrichtstil erst gar nicht. Aber was soll's, dachte ich mir, wir haben ja doch was geschafft. Ich greife nun zu Erpressungsmethoden, um meinen Schülern die letzten Tage noch schmackhaft zu machen. "Wer mir jetzt noch einen perfekten Brief auf deutsch abliefert, den lade ich zum Schulende in meine Bar ein!", "Yeeeeeeeaaaah!". Okay, ich geb's zu: ich schleime und arbeite damit bestimmt entgegen einiger Vorschriften. Aber zum Ende hin, muss ich ihnen jetzt nicht versuchen, das Leben noch schwieriger zu machen. Schließlich beten die Kleinen schon fleißig für ihre Versetzung. Ja, ihr habt richtig gelesen: Beten. Da setzt sich meine Klasse vor dem regulären Unterricht in den Raum, schließt von innen ab und sie tanzen und singen den guten Notengott an, dass er sie versetzen würde. Mein Hinweis, doch vielleicht ein bissschen mehr Eigeninitiative zu zeigen und vielleicht auch mal die Biblitohek zu bes....ach, Sasa! Okay, war nur eine gutgemeinte Idee am Rande. Vielleicht hätte ich mit ein bisschen kirchlichen Gesang meinen Abidurchschnitt auch noch in den Einserbereich heben können. Only God knows. Dennoch hege ich große Zweifel daran, dass besonders viele Schüler ihren Versetzungsdurchschnitt schaffen und eine Klasse weiter kommen. Nach Monaten "Ich bin, du bittest, er/sie/ äh... es...äh....binntest?", immer noch keinen Deut voran gekommen, macht mir deutlich, dass auch eine für togoische Verhältnisse kleine Klasse von fünfzig Schülern, schon zu groß ist, um jeden gebührend zu fördern. Aber es gibt immer Lichtblicke. Da kommt einer meiner Lieblingsschüler aus der Seconde in die Première, um den älteren Schülern eine Aufgabe zu lösen. Meine Lehrerin hat mit ihnen gewettet, dass er es kann und er konnte es. Hundert Gummipunkte und ein warmes Gefühl von Stolz, dass das mit dem Extra-Unterricht doch keine vertane Zeit war. Mir wird von Problemen erzählt, von Träume berichtet, viele Wünsche geäußert – der Druck der Abschlussarbeiten steigt und noch nie fühlte ich mich meinen unsicheren, aufgeregten Schülern näher.
Doch manchmal zoome ich mich aus dem Geschehen. Dann stöpsel ich mir meine Musik ein und bestaune mein Leben, mein Dorf, meine Arbeit hier in Nyogbo von oben. Vivaldi-hörend, belächele ich die Verstrickungen, die ganze Geheimniskrämerei und die Gerüchte und Geschehnisse, die das togoische Dorfleben so bereichern. Wobei "Tryin' to catch me ridin' dirty" den passenderen Soundtrack abgeben würde. Doch da müsste was gewechselt werden - nicht ich bin hier dirty unterwegs, sondern viel mehr meine Hood. Auch schöner Spruch, den ich letztens auf dem Tshirt meiner Gastschwester lesen durfte: "Don't teach me attitude. I got my own!" Jaja, mein Dorf. Besser als jede Sopaopera. Da wird fleißig schlawenzelt und getratscht.
Die neuesten News?
Meine Gastmutter hatte erst eine Affäre mit dem Bauarbeiter. Nach drei Monaten war er länger weg. Auf besorgte Nachfrage hin, sagte man mir leichthin und achselzuckend, dass er wahrscheinlich bei seiner Frau und seinen vier Kindern im Nachbardorf sei. Ah, okay. Danke für die Info. Nun hat Inno dann eben eine Affäre mit meinen Vizedirektor aus der Schule angefangen. Vorwiegend, wenn ich in Urlaub oder in Kpalimé unterwegs bin. Weiß ich aber auch nur von meiner Deutschlehrerin. In der Schule geht es auch heiß her: Dort wollen die Vierzehnjährigen sich entweder ohne Erlaubnis der Eltern heiraten oder verbringen mit einem deutlich älteren Mann die Nacht lieber im Hotel und werden dann sitzen gelassen. Nicht nur im Hotel, sondern auch auf der Rechnung. Nachbarinnen schlagen sich halbnackt mit Stöcken. Ungefähr drei Tage lang dauerte dieser Streit und ich konnte ihn auf jedem Schulweg begutachten. Morgens und Mittags. Da kennen die Togoer anscheinend keine Pause. Zudem haben wir herausgefunden, dass es hier auch noch einen sehr interessanten Nebenverdienst gibt: Ehemänner älteren Datums zahlen ihre Ehefrauen für sexuelle Handlungen. 100 CFA wären da so die minimalen Preise. Umgerechnet 15 Eurocent. Vielleicht gibt es dafür auch separate Preislisten. (Wir malen uns aufjedenfall ziemlich viel aus...)
Zudem bin auch ich selbst Gegenstand diverser Gerüchte. Man munkelt, dass ich mit einigen männlichen Freiwilligen, die mich häufiger als einmal die Woche besuchen kommen, eine Affäre habe. Nicht nur, dass ich da ganz schön viel zu tun hätte; immerhin hat Christian mich, als mein deutscher "Ehemann", auch schon besucht. Viele Grüße an dieser Stelle! Dies und alle Liebesbriefe verheirateter Männer, plus den starken Avancen lediger Männer, die man als weibliche Weiße hier so erhält und sämtlichen anderen Gerüchten, die einem so zu Ohren kommen, machen "la vie en village" doch ziemlich unterhaltsam.
Wie ihr seht - es gibt viel erzählen, aber das Meiste werde ich wahrscheinlich doch erst im persönlichen Gespräch rausplaudern. Man muss sich ja immer interessant halten:)
Dennoch gibt es auch einige News für den Blog.
Zunächst sind eure Wörtberbücher ganz stark im Gebrauch und sehr beliebt, besonders wenn wir Briefe für die Brieffeundschaft mit einer Schule in Duisburg verfassen. Es sind schon einmal Briefe aus Togo nach Duisburg und wieder zurückgekommen, nun sind wir wieder dran. Meine Aufgabe ist es im Moment meine Schüler davon abzuhalten, Liebesoffenbarungen, Heiratsanträge und Wunschlisten an ihre deutschen Brieffreunde zu schicken. Es ist die Mentalität hier, Briefe für uns ein wenig fremdartig zu schreiben und deshalb halte ich manchmal ein Auge drauf. Es ist sehr interessant zu sehen, inwiefern sich in zwei Briefen schon für Annäherungen entwickeln. Da wird über den Verlust der Eltern auf afrikanischer Seite berichtet, über die ehrliche Anteilnahme auf Seiten der deutschen Schülerin kam man nur staunen. Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass eine deutsche Schülerin geschrieben hat, dass ganz viele Menschen in Deutschland mindestens zwei Handys haben und sie 10 Euro die Stunde bei der Nachhilfe verdient. Mmmh. Ich meine auch hier, gibt es Menschen, die zwei und mehr Handys haben. Ich habe in Deutschland keine zwei, aber dafür hier. Meine Schüler haben meist keins oder teilen sich eins. Und sie arbeiten für umsonst auf dem Feld ihrer Eltern. Warum eine gleichaltrige Schülerin in Deutschland in der Stunde so viel verdient, wie deine Eltern manchmal nicht an einem Tag, ist schwer zu verstehen. Da nützt es auch nicht, auf die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten hinzuweisen. Es ist verdammt unfair. Und auch in nächster Zeit unumstößliche, traurige Wahrheit, dass sich daran nichts ändern wird. Aber sie sollen sich damit auseinanderzusetzen und ich versuche es so anzugehen, dass sie nicht in die Weihnachtsmann-Mentalität rutschen. Sprich ihren Brieffreunden nicht mit irgendwelchen absurden Wünschen kommen, die man nicht nach ein, zwei oder acht Briefen erfüllen will und kann, und die, wie ich finde, nicht in einer Brieffreundschaft zwischen Schülern stehen sollten. Deswegen stehe ich da der positiven Zensur stark positiv gegenüber. Nur wenn sich ein Schüler gar nicht von mir überzeugen lässt, lass ich ihn schreiben. Dann bin ich eben auf die Reaktionen gespannt. Für mich ist das auf der anderen Seite so auch sehr interessant. Ich möchte nur nicht, dass deutsche Schüler direkt abgeschreckt werden. Es sollte noch eine Weile laufen. Vielleicht muss ich in Deutschland dann mal ein paar Erklärungen liefern, um die Mentalitätsunterschiede aufzuzeigen und ein bisschen zu vermitteln.
Aber die Schule endet auch schon bereits diese Woche für mich. Da ich am Lycée arbeite und die Abiklausuren vor dem Ende des Collège geschrieben werden, bin ich mit die erste Freiwillige, deren Schuljahr zu Ende geht, da die meisten in der Unterstufe unterrichten.
Ab Montag dieser Woche sind es noch knappe drei Wochen bis zum Abflug. Das bedeutet zwei Dinge. Erstens: ich brauche wieder viel zu lange, um an diesem Blogeintrag zu basteln. Zweitens aber: Ich befinde mich seit gestern auf unserem letzten gemeinsamen Projekt, unserem Workcamp. Die Freiwilligen, die noch da sind (in letzter Zeit haben uns drei aufgrund von Krankheiten verlassen müssen) und fünfzehn togoische Freiwillige, kümmern sich eine Woche um ein Auffrostungsprojekt in Kebo Dalave auf dem Mont Agou. Die ist der höchste Berg Togos, der auch direkt vor meiner Dorfhaustür steht. Zweites Projekt wird eine 10-tägige Ferienfreizeit für Kinder in Kpalimé. Die Schüer werden in Workshops eingeteilt, wie zum Beispiel Tanzen, Singen und Lesen. Ich kümmere mich mit zwei anderen Freiwilligen um die Theatergruppe. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr noch Lust habt, ein bisschen Geld zu spenden, wenn Euch diese Projekte gefallen. Es werden circa 3000 Euro gebraucht, sprich ungefähr 200 Euro pro Freiwilligen. Mir liegt es sehr am Herzen und ich hoffe, viele unter Euch finden es ebenfalls spannend und sinnvoll. Die Blogadresse auf denen auch noch mehr Infos, sowie die Bankdaten angegeben sind:
www.workcampkpalime2011.blogspot.com
Da ich meinem wahrscheinlich letzten Blogeintrag vorwegnehmen will, mache ich nun die Klappe dicht und schließe diesen, meinen sage und schreibe vorletztem Eintrag. Was soll ich euch sagen?
Die Zeit rast. Immer. Aber besonders in Togo. Ich tippe dieses letzten Zeilen nun schon wieder unter dem Druck der endenden Mittagsoause und ich schwöre Euch: ich habe mich doch gerade erst hingesetzt. Nun werde ich gleich wieder Machete-schwingend im Dschungel stehen, um Platz zu schaffen für die Bäume, die wir ab morgen pflanzen werden. Ich hoffe, dieses Bild verschafft Euch eine Erheiterung:)
Ich wünsche allen eine schöne Zeit in Deutschland und sende Euch viele Grüße aus dem mittlerweile regenreichen Togo!
Eure Sabrina