Montag, 20. Juni 2011

Das Ende meiner togoischen Biographie

Tag X: Donnerstag, 2. September 2010
Der Tag an dem ich meine Identität wechselte.

ER war lange vorbereitet gewesen.
Ich hatte Seminare
belegt, die mir die Anpassung
an mein neues Leben erleichtern
sollten. Mir wurden
Verhaltensweisen vermittelt, die mir
eine unauffälligere Aura gaben. Ich sprach
mit vielen Menschen, die diesen Schritt
bereits gegangen waren.
Ich war geimpft, gedrillt und getrimmt.
Kurz:
Ich war perfekt vorbereitet.

Zweihundertdreiundneuzig Tage
und siebentausendzweiunddreißig Stunden später,
weiß ich:
ich hatte ja keine Ahnung.

Wieder sitze ich nun einmal in meinem Moskitonetz. Neben mir der abgewetzte Kalender. Ich schaue auf meine Zeit hier in Togo zurück und versuche meine Gefühle in Worte zu fassen. Wie am Ende des Lebens, ganz als ob ich meine Biographie verfassen würde. Meine togoische Biographie. Denn mein deutsches Leben hat eine kurze Aufzeit genommen, ist einfach stehen geblieben. Und für kurze Zeit hatte ich die Chance, ein anderes Leben zu beginnen und auszuprobieren.
Aber nun stehe ich vor der Frage:
Wie beendet man ein langes und gleichzeitig kurzes Leben in Togo?
Ich weiß es nicht. Deswegen fange ich einfach mal an.

Zusammenfassung
September: Ankunft, extreme Gefühlswechsel, Neugier und Umstellung
Oktober: Gastfamilie, Anpassung, Regeln, Projekt
November: Eintönigkeit, Langeweile, Verzweiflung angesichts des Kalenders
Dezember: Malaria mit einhergehende depressiver Grundeinstellung, Hoch Mama, Urlaub Norden
Januar: Halbzeit, Alltag, Motivationshoch im Projekt
Februar: Christian, Urlaub und schon wieder zu Ende
März: Geburtstage, Urlaub Norden und Benin, Frust in der Gastfamilie
April: Ghana, Motivationshoch, Ich-könnte-ewig-hier-bleiben-Mentalität
Mai: Realitätseinbruch, positive Einstellung, Abschiedsmodus, Projektende
Juni: Workcamp, Abschiede, Trauer, Freude auf Zuhause

Oft wird mir schon jetzt die Frage gestellt, was ich wohl am meisten vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin. Als ob das so einfach wäre in Worte zu fassen.
Natürlich die Menschen, die togoischen und deutschen, die meinen Aufenthalt begleitet und mitgestaltet haben und von denen einige hier in der Fremde zu meiner Ersatzfamilie geworden sind. Wie kann man sich ohne Trauer von seiner Familie trennen? Aber wie kann man andererseits Kontakt halten zu Menschen, die weder Internet kennen noch ein Handy haben? Werde ich jemals wieder zurückkommen? Wer wird dann noch da sein, wenn ich für zwei Urlaubswochen mal wieder vorbeischauen sollte? Wie wird das sein, wenn ich die deutschen Freiwilligen, von denen mir ein paar so ans Herz gewachsen sind, in Deutschland wiedertreffe? Unsere gemeinsame togoische Zeit ist vorbei. Wir haben Dinge geteilt, Gespräche geführt, die ich in meinem anderen Leben nicht unbedingt mit Menschen führen würde, die ich im Prinzip nicht sehr lange kenne. Alles scheint in der Ausnahmesituation zu sein. Aber wie führt man Freundschaften weiter, die sich in Extremsituation gebildet haben, wenn man wieder im Alltag ist? Viele Fragen begleiten mich nach Hause.
Was aber werde ich noch vermissen?
Die vielen kleinen Alltagsrituale. Meine Brotfrau, mit der ich mich immer so herzlich grüße und zum Plausch stehen bleibe. Christian, der Rentner, der Jungs schöner findet als Mädchen und trotzdem drei Frauen hat. Die aber verteilt in Lomé und Nyogbo, damit es keinen Ärger gibt. Manchmal sitze ich bei ihm, höre mir die Geschichten seiner fünfzehn Kinder an und esse leckere Früchte, die er nebenbei aus seinem Garten geschnittan hat. Oder die Verkäuferin an meinem Schulweg, die mir immer extra gibt und meine traurig armseligen Ewe-Vokabeln mit schierer Willenskraft aufforsten will. Oder der Mann, den ich jedes Mal meine, nie gesehen zu haben und der mich so oft fragt, warum ich mal wieder nicht in der Kirche war. Kinder, die meine Hand nehmen. Meine Schüler, die ganz verschämt sind, wenn sie ihrer Lehrerin außerhalb der Schule begegnen. Die ganzen Menschen, deren Gesichter man zehn Monate gesehen hat, aber zu denen man keinen Namen besitzt. Mawussime, die mich zum Essen ruft oder mich mit heißen Wasser überrascht, weil sie gemerkt hat, dass ich das Duschen wieder heruszögere, weil es so kalt ist. Das ganze Gegrüße mit allen möglichen Menschen:

Comment? (Wie?)
Ähhä. Et toi? (Ähä. Und dir?)
Ähhaa. Tu es là? (Ähä. Bist du da?)
Oui, on est là. Toi? (Ja, ich bin da. Du?)
Et la famille? Ca va? (Und die Familie? Geht's gut?)
Ca va très bien. (Läuft sehr gut.)
Et les gens de Nyogbo. Ca va? (Und die Leute aus Nyogbo? Geht's gut?)
Ähhää.
Et toi? Ca bouge bien? (Und bei dir? Bewegt's sich gut?)
Oui, ca bouge. (Ja, das läuft.)
Ca fait longtemps. Tu vis quandmême? (Lange nicht gesehen. Du lebst trotzdem?)
Oui, oui. Je vis quandmême. (Jaja, ich lebe dennoch.)
Bonne arrivée. Bienvenue. (Herzlich Willkommen)
Akpekakaloooo (Danke!)

Nun sind es noch ziemlich genau 49 Stunden bis zu meinem Abflug. Die letzte Nacht sitze ich in Nyogbo. Inno hat gerade ihre großen Worte gesprochen. Verabschiedungen wurden in den letzten Tagen zur Genüge vollbracht. Unreal alles. Ich denke noch immer, dass ich in Urlaub fahre und nicht, dass nun alles für mich in Togo beendet sein soll. Ich bin müde. Leider bin ich auch noch mal deftig krank geworden. Ich fühle mich zwar sehr gut, aber da ich ansteckend bin, weiß ich nicht, inwiefern das meine Ankunft in Deutschland beeinflusst. Ich weiß nur, dass ich zumindest meinen kleinen Neffen nicht sehen darf. Deshalb ist meine Laune gerade etwas beschränkt. Ich freue mich, aber ich bin auch etwas böse, dass mein Rückflug durch so eine vermeidbare Krankheit stark beeinträchtigt wird.
Dennoch:
Unser Workcamp war sehr gut und erfolgreich. In Kebo Toe haben wir 1100 Bäume gepflanzt und dafür zum Teil auch mit unserer Gesundheit bezahlt. Harte Arbeit war niemand mehr gewöhnt. Blasen, Schwielen, entzündete Moskitostiche und Eiterbeulen gehörten zum Campleben. Aber an togoische Krankheiten gewöhnt, war das kein Problem für mich. Das andere Camp in Kpalimé ist ebenfalls schön gewesen. Wir hatten am letzten Freitag unsere Aufführung, zu der schon circa 150 Leute gekommen waren. Die Arbeit mit unserer Theatergruppe war sehr motivierend und interessant. Es gab ein togoisches und ein deutsches Stück: Zékéye et la toute petite musique und Rotkäppchen. Beides kam gut an und wir hatten viele Lacher. Ich bin froh, dass ich die Kinder, die man aus der Schule oft still und unterwürfig kennt, sich von ihrer anderen Seite gezeigt haben. Wir haben uns angeschrien (nur zum Übungszweck), improvisiert, Humor und Verständnis fürs Publikum gezeigt. Ich war platt und finde es toll, dass dies für mich nun die letzten Eindrücke von Schülern in Togo sein werden.

Hauptprotagonisten der togoischen Biographie

Sabrina: Verrückte Freiwillige. Manchmal am Rad drehend, teils seltsame Verhaltensweisen. Von himmelhochjauchzend zu manisch deperessiver Verhaltensauffälligkeit neigend. Immer auf dem Sprung, die ihren Labtop liebt, als wäre er ihr ein und alles.

Inno: Besitzerin einer Bar und Diabetikerin mit offensichtlichem Hang zu Übergewicht. Nebenbei Teilzeitmutter, manchmal Rabenmutter, selten Übermutter. Behüterin der togoischen Kultur und Kirche. Bewacht den Bareingang wie ein Drache und verteidigt ihn in Notfällen manchmal mit ihren Fleischspießen.

Mauwissime: Allseits geliebte Prinzessin. Leider zur Zeit noch mehr Aschenputtel, die jedem ans Herz wächst und bei der sich automatisch das Gefühl entwickelt, sie in den Koffer zu packen. Hart arbeitend, hat sie es trotzdem faustdick hinter den Ohren. Riesige Kulleraugen, die sich manchmal mit Tränen füllen, aber doch meistens mit einem freudigen Glitzern, wenn sie sich schon die nächste Ärgerei ausdenkt.

Oma: Gute Fee. Jeden Tag wirft sie ein Auge auf ihre Enkeltöchter im Nachbarhaus. Nach Reisen jedesmal froh, wenn alle wieder heil angekommen sind. Heimliche Schwäche sind Bonbons in allen möglichen Variationen. Arbeitet fast jeden Tag noch auf dem Feld und hat immer ein Grinsen auf dem Gesicht.

Isaak: Bruder von Inno bei Oma wohnend. Eher wortkarg, ist er der gute Hirte. Jedesmal bekommt man frische Früchte und Aufmerksamkeiten, die einem das Leben erleichtern.

Rami, Jakob, Lara: Die anderen Dorfyovos. Die oft Lebensretter sind. Oder mit denen man sich aufregen, freuen, dummschwätzen kann, ganz wie mans gerade braucht. Ohne die das Leben im Dorf keineswegs so angenehm geworden wäre, wie es war und die immer für einen da waren. Ob mit Wiener Mélange oder mit dummen Sprüchen.

Julia: Muddi und weise Altersgenossin. Wobei man sich manchmal fragen könnte, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Verteilt die Arschtritte zur richtigen Zeit. Eine der besten Duschpartnerinnen der Welt.

Flo: Unzählige Gespräche am Fließband. Retter in vielen Situationen und ein sehr guter Animateur in allen Lebensbereichen. Inhaber der unbequemsten Strohmatratze der Welt, aber dafür die beste Aussicht in ganz Togo. Ohne geht's einfach nicht.

Nils: Ghanaischer Diätpartner. Ähnlichkeiten auf der ganzen Linie. Verrückter Geschichtenerzähler, leider aus dem hässlicheren Dorf kommend.

Madame Egolou und der Direktor: Zwei tolle Menschen, die ihren Job in der Schule sehr gut machen und immer ein offenes Ohr hatten für meine Probleme und Ideen. Hilfsbereit und freundlich, nichtsdestotrotz waren sie oft mit ihrer Lehrerclique damit beschäftigt, irgendwelche versauten Geschichten zu erzählen.


Stimmen aus dem Off oder
Immer auf der verzweifelten Suche nach Empfang.

Christian: Ohne viele Worte. Das Beste.

Mama: Einfach nur Danke! Eure Gastauftritte waren die großen Highlights in Togo. Eure Stimmen sind die, die ich brauche, um mich zu beruhigen und wieder runter zu kommen.

Dani&Holger&Lenni&Alex&Annika: Jeder Geburtstag, den ich verpasst habe, hat mich unheimlich traurig gemacht. Großartige Stunden auf der Mauer oder dem Baumstamm verbracht, an dem das Handynetz am besten arbeitet. Hilfestellungen ohne Ende. Tipps und Stimmen, die das Leben direkt wieder heller gemacht haben und ohne die es einfach beim besten Willen nicht geht.

Johanna&Tobi, Birgit&Eugenia, Philipp&Gabbi, Holger&Jana und viele weitere liebe Freunde: Versorgung mit den neuesten Infos. Ihr habt mir ein Stück deutsches Leben festgehalten. Danke für euer Interesse und die vielen aufmunternden Worte! Trotz der Entferung und vielen Trennungen, kann ich auf euch zählen. Jede Karte, jeder Brief und Anruf hat für neue Motivation gesorgt. Oft habe ich in Erinnerungen geschwelgt, die mir hier einige dunkle Stunden erleuchtet haben. Danke!

Unterstützer: Mails von Menschen, die meinen Blog lesen und so an meinem Leben teilnehmen. Jeder Gruß der an mich gerichtet war, hat mich unglaublich gefreut. Danke für jedes Wort, Buch und Geldstück, dass ihr für mich gegeben habt. Ich werde es nie vergessen! Ohne euch wäre meine togoische Biographie nicht geschrieben worden.

Nun bin ich am Ende. Schriftlich, denklich, leblich, psychisch und irgendwie auch ein bisschen körperlich. Bitte habt Nachsicht mit mir. Ich habe gerade ein Leben hinter mit gelassen. Ich fange mein altes wieder an und werde an kleinen Anlaufschwierigkeiten leiden. Mein Schatten ist vielleicht noch drüben und braucht ein wenig, bis er Deutschland erreicht hat. Doch während mein deutsches Leben stehen geblieben ist, sind eure weiter gegangen. Das ist mir bewusst. Ich werde mich eingliedern. Aber wenn mein Blick manchmal in die Ferne schweift und ich abwesend wirken sollte, habt Erbarmen! Vielleicht bin ich in Gedanken bei dem Leben, dass ich geführt habe. Das nur ich kenne. In dem ich vielleicht manchmal anders war und viele andere Dinge erlebt habe als ihr. Erlebnisse, die ihr nicht unbedingt nachvollziehen könnt. Ich erzähle euch gerne davon. Vielleicht nicht sofort, aber nach und nach. Gebt mir Zeit und ich gebe euch spannende Geschichten.
Ich danke jedem, der mir bis hier hin gefolgt ist.
Mit den letzten togoischen Grüßen und bis bald in der Heimat!
Ich freue mich auf euch!
Sabrina