Montag, 20. Juni 2011

Das Ende meiner togoischen Biographie

Tag X: Donnerstag, 2. September 2010
Der Tag an dem ich meine Identität wechselte.

ER war lange vorbereitet gewesen.
Ich hatte Seminare
belegt, die mir die Anpassung
an mein neues Leben erleichtern
sollten. Mir wurden
Verhaltensweisen vermittelt, die mir
eine unauffälligere Aura gaben. Ich sprach
mit vielen Menschen, die diesen Schritt
bereits gegangen waren.
Ich war geimpft, gedrillt und getrimmt.
Kurz:
Ich war perfekt vorbereitet.

Zweihundertdreiundneuzig Tage
und siebentausendzweiunddreißig Stunden später,
weiß ich:
ich hatte ja keine Ahnung.

Wieder sitze ich nun einmal in meinem Moskitonetz. Neben mir der abgewetzte Kalender. Ich schaue auf meine Zeit hier in Togo zurück und versuche meine Gefühle in Worte zu fassen. Wie am Ende des Lebens, ganz als ob ich meine Biographie verfassen würde. Meine togoische Biographie. Denn mein deutsches Leben hat eine kurze Aufzeit genommen, ist einfach stehen geblieben. Und für kurze Zeit hatte ich die Chance, ein anderes Leben zu beginnen und auszuprobieren.
Aber nun stehe ich vor der Frage:
Wie beendet man ein langes und gleichzeitig kurzes Leben in Togo?
Ich weiß es nicht. Deswegen fange ich einfach mal an.

Zusammenfassung
September: Ankunft, extreme Gefühlswechsel, Neugier und Umstellung
Oktober: Gastfamilie, Anpassung, Regeln, Projekt
November: Eintönigkeit, Langeweile, Verzweiflung angesichts des Kalenders
Dezember: Malaria mit einhergehende depressiver Grundeinstellung, Hoch Mama, Urlaub Norden
Januar: Halbzeit, Alltag, Motivationshoch im Projekt
Februar: Christian, Urlaub und schon wieder zu Ende
März: Geburtstage, Urlaub Norden und Benin, Frust in der Gastfamilie
April: Ghana, Motivationshoch, Ich-könnte-ewig-hier-bleiben-Mentalität
Mai: Realitätseinbruch, positive Einstellung, Abschiedsmodus, Projektende
Juni: Workcamp, Abschiede, Trauer, Freude auf Zuhause

Oft wird mir schon jetzt die Frage gestellt, was ich wohl am meisten vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin. Als ob das so einfach wäre in Worte zu fassen.
Natürlich die Menschen, die togoischen und deutschen, die meinen Aufenthalt begleitet und mitgestaltet haben und von denen einige hier in der Fremde zu meiner Ersatzfamilie geworden sind. Wie kann man sich ohne Trauer von seiner Familie trennen? Aber wie kann man andererseits Kontakt halten zu Menschen, die weder Internet kennen noch ein Handy haben? Werde ich jemals wieder zurückkommen? Wer wird dann noch da sein, wenn ich für zwei Urlaubswochen mal wieder vorbeischauen sollte? Wie wird das sein, wenn ich die deutschen Freiwilligen, von denen mir ein paar so ans Herz gewachsen sind, in Deutschland wiedertreffe? Unsere gemeinsame togoische Zeit ist vorbei. Wir haben Dinge geteilt, Gespräche geführt, die ich in meinem anderen Leben nicht unbedingt mit Menschen führen würde, die ich im Prinzip nicht sehr lange kenne. Alles scheint in der Ausnahmesituation zu sein. Aber wie führt man Freundschaften weiter, die sich in Extremsituation gebildet haben, wenn man wieder im Alltag ist? Viele Fragen begleiten mich nach Hause.
Was aber werde ich noch vermissen?
Die vielen kleinen Alltagsrituale. Meine Brotfrau, mit der ich mich immer so herzlich grüße und zum Plausch stehen bleibe. Christian, der Rentner, der Jungs schöner findet als Mädchen und trotzdem drei Frauen hat. Die aber verteilt in Lomé und Nyogbo, damit es keinen Ärger gibt. Manchmal sitze ich bei ihm, höre mir die Geschichten seiner fünfzehn Kinder an und esse leckere Früchte, die er nebenbei aus seinem Garten geschnittan hat. Oder die Verkäuferin an meinem Schulweg, die mir immer extra gibt und meine traurig armseligen Ewe-Vokabeln mit schierer Willenskraft aufforsten will. Oder der Mann, den ich jedes Mal meine, nie gesehen zu haben und der mich so oft fragt, warum ich mal wieder nicht in der Kirche war. Kinder, die meine Hand nehmen. Meine Schüler, die ganz verschämt sind, wenn sie ihrer Lehrerin außerhalb der Schule begegnen. Die ganzen Menschen, deren Gesichter man zehn Monate gesehen hat, aber zu denen man keinen Namen besitzt. Mawussime, die mich zum Essen ruft oder mich mit heißen Wasser überrascht, weil sie gemerkt hat, dass ich das Duschen wieder heruszögere, weil es so kalt ist. Das ganze Gegrüße mit allen möglichen Menschen:

Comment? (Wie?)
Ähhä. Et toi? (Ähä. Und dir?)
Ähhaa. Tu es là? (Ähä. Bist du da?)
Oui, on est là. Toi? (Ja, ich bin da. Du?)
Et la famille? Ca va? (Und die Familie? Geht's gut?)
Ca va très bien. (Läuft sehr gut.)
Et les gens de Nyogbo. Ca va? (Und die Leute aus Nyogbo? Geht's gut?)
Ähhää.
Et toi? Ca bouge bien? (Und bei dir? Bewegt's sich gut?)
Oui, ca bouge. (Ja, das läuft.)
Ca fait longtemps. Tu vis quandmême? (Lange nicht gesehen. Du lebst trotzdem?)
Oui, oui. Je vis quandmême. (Jaja, ich lebe dennoch.)
Bonne arrivée. Bienvenue. (Herzlich Willkommen)
Akpekakaloooo (Danke!)

Nun sind es noch ziemlich genau 49 Stunden bis zu meinem Abflug. Die letzte Nacht sitze ich in Nyogbo. Inno hat gerade ihre großen Worte gesprochen. Verabschiedungen wurden in den letzten Tagen zur Genüge vollbracht. Unreal alles. Ich denke noch immer, dass ich in Urlaub fahre und nicht, dass nun alles für mich in Togo beendet sein soll. Ich bin müde. Leider bin ich auch noch mal deftig krank geworden. Ich fühle mich zwar sehr gut, aber da ich ansteckend bin, weiß ich nicht, inwiefern das meine Ankunft in Deutschland beeinflusst. Ich weiß nur, dass ich zumindest meinen kleinen Neffen nicht sehen darf. Deshalb ist meine Laune gerade etwas beschränkt. Ich freue mich, aber ich bin auch etwas böse, dass mein Rückflug durch so eine vermeidbare Krankheit stark beeinträchtigt wird.
Dennoch:
Unser Workcamp war sehr gut und erfolgreich. In Kebo Toe haben wir 1100 Bäume gepflanzt und dafür zum Teil auch mit unserer Gesundheit bezahlt. Harte Arbeit war niemand mehr gewöhnt. Blasen, Schwielen, entzündete Moskitostiche und Eiterbeulen gehörten zum Campleben. Aber an togoische Krankheiten gewöhnt, war das kein Problem für mich. Das andere Camp in Kpalimé ist ebenfalls schön gewesen. Wir hatten am letzten Freitag unsere Aufführung, zu der schon circa 150 Leute gekommen waren. Die Arbeit mit unserer Theatergruppe war sehr motivierend und interessant. Es gab ein togoisches und ein deutsches Stück: Zékéye et la toute petite musique und Rotkäppchen. Beides kam gut an und wir hatten viele Lacher. Ich bin froh, dass ich die Kinder, die man aus der Schule oft still und unterwürfig kennt, sich von ihrer anderen Seite gezeigt haben. Wir haben uns angeschrien (nur zum Übungszweck), improvisiert, Humor und Verständnis fürs Publikum gezeigt. Ich war platt und finde es toll, dass dies für mich nun die letzten Eindrücke von Schülern in Togo sein werden.

Hauptprotagonisten der togoischen Biographie

Sabrina: Verrückte Freiwillige. Manchmal am Rad drehend, teils seltsame Verhaltensweisen. Von himmelhochjauchzend zu manisch deperessiver Verhaltensauffälligkeit neigend. Immer auf dem Sprung, die ihren Labtop liebt, als wäre er ihr ein und alles.

Inno: Besitzerin einer Bar und Diabetikerin mit offensichtlichem Hang zu Übergewicht. Nebenbei Teilzeitmutter, manchmal Rabenmutter, selten Übermutter. Behüterin der togoischen Kultur und Kirche. Bewacht den Bareingang wie ein Drache und verteidigt ihn in Notfällen manchmal mit ihren Fleischspießen.

Mauwissime: Allseits geliebte Prinzessin. Leider zur Zeit noch mehr Aschenputtel, die jedem ans Herz wächst und bei der sich automatisch das Gefühl entwickelt, sie in den Koffer zu packen. Hart arbeitend, hat sie es trotzdem faustdick hinter den Ohren. Riesige Kulleraugen, die sich manchmal mit Tränen füllen, aber doch meistens mit einem freudigen Glitzern, wenn sie sich schon die nächste Ärgerei ausdenkt.

Oma: Gute Fee. Jeden Tag wirft sie ein Auge auf ihre Enkeltöchter im Nachbarhaus. Nach Reisen jedesmal froh, wenn alle wieder heil angekommen sind. Heimliche Schwäche sind Bonbons in allen möglichen Variationen. Arbeitet fast jeden Tag noch auf dem Feld und hat immer ein Grinsen auf dem Gesicht.

Isaak: Bruder von Inno bei Oma wohnend. Eher wortkarg, ist er der gute Hirte. Jedesmal bekommt man frische Früchte und Aufmerksamkeiten, die einem das Leben erleichtern.

Rami, Jakob, Lara: Die anderen Dorfyovos. Die oft Lebensretter sind. Oder mit denen man sich aufregen, freuen, dummschwätzen kann, ganz wie mans gerade braucht. Ohne die das Leben im Dorf keineswegs so angenehm geworden wäre, wie es war und die immer für einen da waren. Ob mit Wiener Mélange oder mit dummen Sprüchen.

Julia: Muddi und weise Altersgenossin. Wobei man sich manchmal fragen könnte, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Verteilt die Arschtritte zur richtigen Zeit. Eine der besten Duschpartnerinnen der Welt.

Flo: Unzählige Gespräche am Fließband. Retter in vielen Situationen und ein sehr guter Animateur in allen Lebensbereichen. Inhaber der unbequemsten Strohmatratze der Welt, aber dafür die beste Aussicht in ganz Togo. Ohne geht's einfach nicht.

Nils: Ghanaischer Diätpartner. Ähnlichkeiten auf der ganzen Linie. Verrückter Geschichtenerzähler, leider aus dem hässlicheren Dorf kommend.

Madame Egolou und der Direktor: Zwei tolle Menschen, die ihren Job in der Schule sehr gut machen und immer ein offenes Ohr hatten für meine Probleme und Ideen. Hilfsbereit und freundlich, nichtsdestotrotz waren sie oft mit ihrer Lehrerclique damit beschäftigt, irgendwelche versauten Geschichten zu erzählen.


Stimmen aus dem Off oder
Immer auf der verzweifelten Suche nach Empfang.

Christian: Ohne viele Worte. Das Beste.

Mama: Einfach nur Danke! Eure Gastauftritte waren die großen Highlights in Togo. Eure Stimmen sind die, die ich brauche, um mich zu beruhigen und wieder runter zu kommen.

Dani&Holger&Lenni&Alex&Annika: Jeder Geburtstag, den ich verpasst habe, hat mich unheimlich traurig gemacht. Großartige Stunden auf der Mauer oder dem Baumstamm verbracht, an dem das Handynetz am besten arbeitet. Hilfestellungen ohne Ende. Tipps und Stimmen, die das Leben direkt wieder heller gemacht haben und ohne die es einfach beim besten Willen nicht geht.

Johanna&Tobi, Birgit&Eugenia, Philipp&Gabbi, Holger&Jana und viele weitere liebe Freunde: Versorgung mit den neuesten Infos. Ihr habt mir ein Stück deutsches Leben festgehalten. Danke für euer Interesse und die vielen aufmunternden Worte! Trotz der Entferung und vielen Trennungen, kann ich auf euch zählen. Jede Karte, jeder Brief und Anruf hat für neue Motivation gesorgt. Oft habe ich in Erinnerungen geschwelgt, die mir hier einige dunkle Stunden erleuchtet haben. Danke!

Unterstützer: Mails von Menschen, die meinen Blog lesen und so an meinem Leben teilnehmen. Jeder Gruß der an mich gerichtet war, hat mich unglaublich gefreut. Danke für jedes Wort, Buch und Geldstück, dass ihr für mich gegeben habt. Ich werde es nie vergessen! Ohne euch wäre meine togoische Biographie nicht geschrieben worden.

Nun bin ich am Ende. Schriftlich, denklich, leblich, psychisch und irgendwie auch ein bisschen körperlich. Bitte habt Nachsicht mit mir. Ich habe gerade ein Leben hinter mit gelassen. Ich fange mein altes wieder an und werde an kleinen Anlaufschwierigkeiten leiden. Mein Schatten ist vielleicht noch drüben und braucht ein wenig, bis er Deutschland erreicht hat. Doch während mein deutsches Leben stehen geblieben ist, sind eure weiter gegangen. Das ist mir bewusst. Ich werde mich eingliedern. Aber wenn mein Blick manchmal in die Ferne schweift und ich abwesend wirken sollte, habt Erbarmen! Vielleicht bin ich in Gedanken bei dem Leben, dass ich geführt habe. Das nur ich kenne. In dem ich vielleicht manchmal anders war und viele andere Dinge erlebt habe als ihr. Erlebnisse, die ihr nicht unbedingt nachvollziehen könnt. Ich erzähle euch gerne davon. Vielleicht nicht sofort, aber nach und nach. Gebt mir Zeit und ich gebe euch spannende Geschichten.
Ich danke jedem, der mir bis hier hin gefolgt ist.
Mit den letzten togoischen Grüßen und bis bald in der Heimat!
Ich freue mich auf euch!
Sabrina

Dienstag, 31. Mai 2011

In Togo laufen die Uhren anders

213, 205, äh 181, hä? Ach mist! Ich muss nochmal von vorne anfangen...

Datum schauen und Tage zählen in Togo! Mein beliebtes Hobby für traurige einsame Stunden, in denen ich mir vorstellte, bald irgendwann wieder zuhause zu sein. Bekannt für meine Genauigkeit: "Ey, Sabsab, wie lang ist noch?" - "In zwei Stunden noch 131 Tage bis zum Abflug." Zack, Bumm. Danke für die exakte Angabe, muss ich zugeben: ich schludere in letzter Zeit und bin entgegen des Mainstreams als einzige dafür, Monaten mehr Tage zu zugestehen als weniger. Als man mir letztens sagte "Für dich sind es ja eh nur noch 6 Wochen!", ging mir das Herz in die Hose. "WAAAAS?", schrie ich auf und war beglückt, dass ich feststellte, doch noch sieben Wochen zu haben! Unfassbar. Nach acht Monaten (oder sind es schon neun?), befinde ich mich gerade in einer solchen Hochphase, dass ich mich fragen muss, ob Inno mir nicht irgendetwas in den Fufu mischt. Oder vielleicht ist es auch der Schlafmangel. Schlafen tue ich nämlich aus Prinzip nicht mehr, da sowieso überbewertet. Ich bin die ganze Zeit auf Achse, kann den Mund nicht mehr halten und beglücke jeden mit meiner wahrscheinlich nervenden Aussage "Oh man, ich kann mir nicht vorstellen nach Hause zu fahren!" Ob man es versteht oder nicht, ich bin bereits jetzt im Abschiedsmodus. Ich mache Dinge zum letzten Mal. Und das wahrscheinlich nochmal ein paar Mal mehr, bis es wirklich das letzte Mal sein wird. Ich will nach Hause, keine Frage. Ich freue mich auf so viele Menschen und auf alles. Dennoch, das Gefühl, dass ein großer Abschnitt meines Lebens damit vorbei geht, will nicht verschwinden und lässt mir keine Ruhe. Schon jetzt stellen sich die Fragen ein. Hast du deine Zeit genutzt? Hast du auch wirklich alles gegeben? Hättest du nicht noch einen Englischclub, Deutschclub einführen können und der Bibliothek Strom schenken können? Was ist eigentlich mit dem Workc.... geil, hör mal, das Lied! Und schon wieder sind die Gedanken weg. Ich lass mir meine überaus gute Laune nicht wegrationalisieren durch irgendwelche negativen Gedankenströme, die ich zuhause in Deutschland bei schlechtem Sommerwetter auch noch durchkauen kann. Jetzt genieß ich erstmal.

Ab nächster Woche ist das Schuljahr zu Ende. Ich habe meinen letzten regulären Unterricht am Dienstag gehalten und wurde mit "Sasaaaaa, wir wollen noch ein Bild mit dir machen!" begrüsst. Da stellt sich die Frage nach meinem autoritären Unterrichtstil erst gar nicht. Aber was soll's, dachte ich mir, wir haben ja doch was geschafft. Ich greife nun zu Erpressungsmethoden, um meinen Schülern die letzten Tage noch schmackhaft zu machen. "Wer mir jetzt noch einen perfekten Brief auf deutsch abliefert, den lade ich zum Schulende in meine Bar ein!", "Yeeeeeeeaaaah!". Okay, ich geb's zu: ich schleime und arbeite damit bestimmt entgegen einiger Vorschriften. Aber zum Ende hin, muss ich ihnen jetzt nicht versuchen, das Leben noch schwieriger zu machen. Schließlich beten die Kleinen schon fleißig für ihre Versetzung. Ja, ihr habt richtig gelesen: Beten. Da setzt sich meine Klasse vor dem regulären Unterricht in den Raum, schließt von innen ab und sie tanzen und singen den guten Notengott an, dass er sie versetzen würde. Mein Hinweis, doch vielleicht ein bissschen mehr Eigeninitiative zu zeigen und vielleicht auch mal die Biblitohek zu bes....ach, Sasa! Okay, war nur eine gutgemeinte Idee am Rande. Vielleicht hätte ich mit ein bisschen kirchlichen Gesang meinen Abidurchschnitt auch noch in den Einserbereich heben können. Only God knows. Dennoch hege ich große Zweifel daran, dass besonders viele Schüler ihren Versetzungsdurchschnitt schaffen und eine Klasse weiter kommen. Nach Monaten "Ich bin, du bittest, er/sie/ äh... es...äh....binntest?", immer noch keinen Deut voran gekommen, macht mir deutlich, dass auch eine für togoische Verhältnisse kleine Klasse von fünfzig Schülern, schon zu groß ist, um jeden gebührend zu fördern. Aber es gibt immer Lichtblicke. Da kommt einer meiner Lieblingsschüler aus der Seconde in die Première, um den älteren Schülern eine Aufgabe zu lösen. Meine Lehrerin hat mit ihnen gewettet, dass er es kann und er konnte es. Hundert Gummipunkte und ein warmes Gefühl von Stolz, dass das mit dem Extra-Unterricht doch keine vertane Zeit war. Mir wird von Problemen erzählt, von Träume berichtet, viele Wünsche geäußert – der Druck der Abschlussarbeiten steigt und noch nie fühlte ich mich meinen unsicheren, aufgeregten Schülern näher.

Doch manchmal zoome ich mich aus dem Geschehen. Dann stöpsel ich mir meine Musik ein und bestaune mein Leben, mein Dorf, meine Arbeit hier in Nyogbo von oben. Vivaldi-hörend, belächele ich die Verstrickungen, die ganze Geheimniskrämerei und die Gerüchte und Geschehnisse, die das togoische Dorfleben so bereichern. Wobei "Tryin' to catch me ridin' dirty" den passenderen Soundtrack abgeben würde. Doch da müsste was gewechselt werden - nicht ich bin hier dirty unterwegs, sondern viel mehr meine Hood. Auch schöner Spruch, den ich letztens auf dem Tshirt meiner Gastschwester lesen durfte: "Don't teach me attitude. I got my own!" Jaja, mein Dorf. Besser als jede Sopaopera. Da wird fleißig schlawenzelt und getratscht.

Die neuesten News?

Meine Gastmutter hatte erst eine Affäre mit dem Bauarbeiter. Nach drei Monaten war er länger weg. Auf besorgte Nachfrage hin, sagte man mir leichthin und achselzuckend, dass er wahrscheinlich bei seiner Frau und seinen vier Kindern im Nachbardorf sei. Ah, okay. Danke für die Info. Nun hat Inno dann eben eine Affäre mit meinen Vizedirektor aus der Schule angefangen. Vorwiegend, wenn ich in Urlaub oder in Kpalimé unterwegs bin. Weiß ich aber auch nur von meiner Deutschlehrerin. In der Schule geht es auch heiß her: Dort wollen die Vierzehnjährigen sich entweder ohne Erlaubnis der Eltern heiraten oder verbringen mit einem deutlich älteren Mann die Nacht lieber im Hotel und werden dann sitzen gelassen. Nicht nur im Hotel, sondern auch auf der Rechnung. Nachbarinnen schlagen sich halbnackt mit Stöcken. Ungefähr drei Tage lang dauerte dieser Streit und ich konnte ihn auf jedem Schulweg begutachten. Morgens und Mittags. Da kennen die Togoer anscheinend keine Pause. Zudem haben wir herausgefunden, dass es hier auch noch einen sehr interessanten Nebenverdienst gibt: Ehemänner älteren Datums zahlen ihre Ehefrauen für sexuelle Handlungen. 100 CFA wären da so die minimalen Preise. Umgerechnet 15 Eurocent. Vielleicht gibt es dafür auch separate Preislisten. (Wir malen uns aufjedenfall ziemlich viel aus...)

Zudem bin auch ich selbst Gegenstand diverser Gerüchte. Man munkelt, dass ich mit einigen männlichen Freiwilligen, die mich häufiger als einmal die Woche besuchen kommen, eine Affäre habe. Nicht nur, dass ich da ganz schön viel zu tun hätte; immerhin hat Christian mich, als mein deutscher "Ehemann", auch schon besucht. Viele Grüße an dieser Stelle! Dies und alle Liebesbriefe verheirateter Männer, plus den starken Avancen lediger Männer, die man als weibliche Weiße hier so erhält und sämtlichen anderen Gerüchten, die einem so zu Ohren kommen, machen "la vie en village" doch ziemlich unterhaltsam.

Wie ihr seht - es gibt viel erzählen, aber das Meiste werde ich wahrscheinlich doch erst im persönlichen Gespräch rausplaudern. Man muss sich ja immer interessant halten:)

Dennoch gibt es auch einige News für den Blog.

Zunächst sind eure Wörtberbücher ganz stark im Gebrauch und sehr beliebt, besonders wenn wir Briefe für die Brieffeundschaft mit einer Schule in Duisburg verfassen. Es sind schon einmal Briefe aus Togo nach Duisburg und wieder zurückgekommen, nun sind wir wieder dran. Meine Aufgabe ist es im Moment meine Schüler davon abzuhalten, Liebesoffenbarungen, Heiratsanträge und Wunschlisten an ihre deutschen Brieffreunde zu schicken. Es ist die Mentalität hier, Briefe für uns ein wenig fremdartig zu schreiben und deshalb halte ich manchmal ein Auge drauf. Es ist sehr interessant zu sehen, inwiefern sich in zwei Briefen schon für Annäherungen entwickeln. Da wird über den Verlust der Eltern auf afrikanischer Seite berichtet, über die ehrliche Anteilnahme auf Seiten der deutschen Schülerin kam man nur staunen. Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass eine deutsche Schülerin geschrieben hat, dass ganz viele Menschen in Deutschland mindestens zwei Handys haben und sie 10 Euro die Stunde bei der Nachhilfe verdient. Mmmh. Ich meine auch hier, gibt es Menschen, die zwei und mehr Handys haben. Ich habe in Deutschland keine zwei, aber dafür hier. Meine Schüler haben meist keins oder teilen sich eins. Und sie arbeiten für umsonst auf dem Feld ihrer Eltern. Warum eine gleichaltrige Schülerin in Deutschland in der Stunde so viel verdient, wie deine Eltern manchmal nicht an einem Tag, ist schwer zu verstehen. Da nützt es auch nicht, auf die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten hinzuweisen. Es ist verdammt unfair. Und auch in nächster Zeit unumstößliche, traurige Wahrheit, dass sich daran nichts ändern wird. Aber sie sollen sich damit auseinanderzusetzen und ich versuche es so anzugehen, dass sie nicht in die Weihnachtsmann-Mentalität rutschen. Sprich ihren Brieffreunden nicht mit irgendwelchen absurden Wünschen kommen, die man nicht nach ein, zwei oder acht Briefen erfüllen will und kann, und die, wie ich finde, nicht in einer Brieffreundschaft zwischen Schülern stehen sollten. Deswegen stehe ich da der positiven Zensur stark positiv gegenüber. Nur wenn sich ein Schüler gar nicht von mir überzeugen lässt, lass ich ihn schreiben. Dann bin ich eben auf die Reaktionen gespannt. Für mich ist das auf der anderen Seite so auch sehr interessant. Ich möchte nur nicht, dass deutsche Schüler direkt abgeschreckt werden. Es sollte noch eine Weile laufen. Vielleicht muss ich in Deutschland dann mal ein paar Erklärungen liefern, um die Mentalitätsunterschiede aufzuzeigen und ein bisschen zu vermitteln.

Aber die Schule endet auch schon bereits diese Woche für mich. Da ich am Lycée arbeite und die Abiklausuren vor dem Ende des Collège geschrieben werden, bin ich mit die erste Freiwillige, deren Schuljahr zu Ende geht, da die meisten in der Unterstufe unterrichten.

Ab Montag dieser Woche sind es noch knappe drei Wochen bis zum Abflug. Das bedeutet zwei Dinge. Erstens: ich brauche wieder viel zu lange, um an diesem Blogeintrag zu basteln. Zweitens aber: Ich befinde mich seit gestern auf unserem letzten gemeinsamen Projekt, unserem Workcamp. Die Freiwilligen, die noch da sind (in letzter Zeit haben uns drei aufgrund von Krankheiten verlassen müssen) und fünfzehn togoische Freiwillige, kümmern sich eine Woche um ein Auffrostungsprojekt in Kebo Dalave auf dem Mont Agou. Die ist der höchste Berg Togos, der auch direkt vor meiner Dorfhaustür steht. Zweites Projekt wird eine 10-tägige Ferienfreizeit für Kinder in Kpalimé. Die Schüer werden in Workshops eingeteilt, wie zum Beispiel Tanzen, Singen und Lesen. Ich kümmere mich mit zwei anderen Freiwilligen um die Theatergruppe. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr noch Lust habt, ein bisschen Geld zu spenden, wenn Euch diese Projekte gefallen. Es werden circa 3000 Euro gebraucht, sprich ungefähr 200 Euro pro Freiwilligen. Mir liegt es sehr am Herzen und ich hoffe, viele unter Euch finden es ebenfalls spannend und sinnvoll. Die Blogadresse auf denen auch noch mehr Infos, sowie die Bankdaten angegeben sind:

www.workcampkpalime2011.blogspot.com

Da ich meinem wahrscheinlich letzten Blogeintrag vorwegnehmen will, mache ich nun die Klappe dicht und schließe diesen, meinen sage und schreibe vorletztem Eintrag. Was soll ich euch sagen?

Die Zeit rast. Immer. Aber besonders in Togo. Ich tippe dieses letzten Zeilen nun schon wieder unter dem Druck der endenden Mittagsoause und ich schwöre Euch: ich habe mich doch gerade erst hingesetzt. Nun werde ich gleich wieder Machete-schwingend im Dschungel stehen, um Platz zu schaffen für die Bäume, die wir ab morgen pflanzen werden. Ich hoffe, dieses Bild verschafft Euch eine Erheiterung:)

Ich wünsche allen eine schöne Zeit in Deutschland und sende Euch viele Grüße aus dem mittlerweile regenreichen Togo!

Eure Sabrina

Samstag, 7. Mai 2011

Reisen in Absurdistan*

*A. ist kein geographische abgegrenzter Bereich im konventionellen Sinn. Überall dort, wo man sich häufig an den Kopf fasst und diesen instinktiv schütteln muss, ob durch Verwirrung und Verwunderung oder Schlaglochstraßenfahrten – überall dort befindet sich A. Mein persönliches A. umfasst in diesem Bericht Togo, Benin und Ghana, lässt sich aber beliebig auf viele Orte dieser Welt erweitern.

Ich bin wieder da!
Nach Wochen des Unterwegsseins, Wegseins oder auch einfach Beschäftigt-mit-anderen-Dingen-Seins, habe ich nun wieder Zeit euch einen kleinen Eindruck in meinen 8. (!) Monat in Westafrika zu geben. Die letzten Wochen waren angefüllt mit Erlebnissen, die für mich bisher zu den Besten meines Aufenthalts zählen. Nicht nur bin ich zweimal im Urlaub gewesen, sondern habe nun endlich das Gefühl, das ich endgültig angekommen bin und mich zufrieden und glücklich an mein Leben angepasst habe. Ich fühle mich entspannt, sicher und freue mich tierisch nach knapp 3 Wochen Urlaub wieder im wunderbaren, schäbigen, ärmlichen, liebenswerten und einfach heimischen Togo angekommen zu sein und mich wahrhaft zuhause zu fühlen. Ich denke, einen besseren Beweis fürs Einleben kann ich nicht bekommen.
Wir waren im letzten Monat umaufhörlich unterwegs und von meinen zwei großen Reisen zu Ostern werde ich euch ausführlich berichten. In Togo lassen sich die Osterferienwochen in die Vor-Osterferien, drei Wochen vor dem eigentlichen Osterdatum, und in die eigentlichen Osterferien aufteilen. Daher war ich Anfang und Ende April jeweils für eine Woche, plus freigeschaufelten drei Extra-Tagen, unterwegs. Nun werde ich euch einen Einblick verschaffen, was Reisen in einer der ärmsten Regionen der Welt bedeuten kann...

Reisen in Absurdistan I: Norden Togos und Benin
Ich gestehe - ich habe es wieder getan!
Der Besuch mit meiner Außerirdischen hat mich nicht davon abgehalten, noch einmal den kargen und trockenen Norden Togos zu besuchen und sein Anderssein zum fruchtbaren Regenwald im Süden unter die Lupe zu nehmen. Ein Ausflug in einen Nationalpark in Benin stand ebenfalls auf dem Programm. Es war wieder nicht leicht. Togo und Benin stellen als Reiseländer hohe Anforderungen an die Nerven, das Gelassensein und die körperlichen Konditionen. Wir haben uns einfach darauf eingelassen und eine wunderbare Reise verbracht.


Okay. Man hätte es sich ja denken können. Ich gebe es offen zu: Wenn das Reisefahrzeug zu Beginn der Reise bereits von vier Männern angeschoben werden muss, um in Fahrt zu kommen, darf man nicht allzu hohe Erwartungen an das Weiterkommen stellen. Doch, die Hoffnung stirbt zu Letzt. Aber auch bei sieben togoischen Freiwilligen, die sich seit sieben Monaten an ziemlich vieles gewöhnt haben, stellten zehn Stunden Busfahrt und eine zurückgelegte Strecke von 60 Kilometern irgendwann eine Nervenprobe der besonderen Art dar. Ich war sehr froh, dass wir direkt zu Beginn ein paar Sitze mehr gekauft hatten, sonst wäre es die direkte Tour in die Hölle gewesen.
Nur kurz zur Erläuterung:
In Togo gibt es Kleinbusse, die das gesamte Land miteinander verbinden und vor Jahrzehnten irgendwann mal aus Europa und Asien importiert wurden. Man sieht ihnen häufig ihr hohes Alter an: Zum Teil ist der gesamte Innenraum entkleidet, die Scheiben sind zumindest an mehreren Stellen gesprungen und die Sitze passen sich aerodynamisch an die Fahrweise an. Den Anspruch an Tacho, Benzinanzeige, Blinker, Sicherheitsgurte und weitere dieser Extra-Features haben sie nicht, aber dafür vermitteln zumindest auch kein unrealistisches Bild von Fahrkomfort und Sicherheit. Jedenfalls sind sie grob genommen, die einzige Möglichkeit das Land zu bereisen. In einem normalen Togo-Überlandbus befinden sich circa 15-23 Leute (falls das Dach groß genug für Passagiere ist). Man quetscht sich mit 4-5 Leuten in eine Reihe, Kinder wie immer nicht mitzählbar: die packt man irgendwo auf oder unter sich. Das Auto fährt, wenn es voll ist. Auf togoische Art und Weise natürlich und das kann dauern. Wir haben schon zwei Stunden im Bus gepfercht gesessen (raus darf bzw. könnte man auch nicht mehr) und darauf gehofft, dass irgendeiner noch in die gleiche Richtung fährt. Die Lösung für Yovos ist dann, einfach ein paar Zentimeter Sitzfläche extra zu kaufen, um früher loszukommen. Man bezahlt dann den Preis für den quasi-leeren oder auch nicht vorhandenen Platz. Dadurch gewinnt man ein paar Millimeter, die man vom Nachbarn entfernt vor sich hin schwitzen kann. Als ich mich nach Norden in den Bus quetschte und nach drei Sekunden Beklemmung und nach weiteren sechs Sekunden Platzangst bekommen habe, hatte ich schon ein bisschen Angst vor der Fahrt und überlegte mir schon einige Mantras. Dann musste ich leider realisieren, dass sich tatsächlich noch einer in die Reihe pressen sollte. Da war es die beste Entscheidung, in ingesamt zehn Plätze für sieben Leute zu investieren. Dies ermöglichte zumindest geringe Bewegungsfreiheit.
Zurück zur Hinfahrt. Oder auch Hinstand. Bewegt haben wir uns wie gesagt eben nicht. Aber wir haben die Zeit ausserhalb des Busses genutzt und uns die Gegend angeschaut und uns anonsten ganz gut unterhalten. Schließlich war es Urlaub! Wir haben aber irgendwann dennoch etwas genervt aufgegeben und sind in der nächsten Stadt für die Nacht untergekommen.
Am nächsten Tag haben wir wieder mit voller Motivation den 300 Kilometern, die uns noch von Kara getrennt haben, entgegen geblickt. Doch auch dieses Mal wurde uns nichts geschenkt. Wir saßen zwar bequemer, dennoch wieder 10 Stunden im Bus. Diesmal war das Problem die Schaltung, die immer wieder mit neuen T-Shirt-Fetzen geflickt wurde, damit man die einzelnen Gänge auswählen konnte. Dazu verschwand der Fahrer alle halbe Stunde unter dem Auto. Zudem betrug die Höchstgeschwindigkeit dieses Busses satte 35km/h. Immerhin, dachten wir uns, da kann man vorm Unfall notfalls selber rausspringen. Aber auch da sind wir tapfer durch und nachts konnten wir endlich unseren Urlaub mit einem leckeren europäischen Essen im Restaurant in der drittgrößten Stadt Togos ausklingen lassen. Nach einem Tag Ruhepause und Marktshoppen, ging es zu dritt weiter in den Nationalpark. Eigentlich wurde uns gesagt, dass Benin dieselben Bedingungen bieten würde wie Togo, deshalb waren wir nicht darauf vorbereitet, was uns hinter der Grenze erwartet hat: Nahezu perfekte Straßen! Keine Schlag- oder Wasserlöcher, keine Sandpiste. Einfach gerade und kilometerweitert perfekt flach. Wir waren begeistert. Die Autos besserten sich leider nicht, aber du kannst eben nicht alles haben. Wir sind wieder durch sehr schöne Landschaften gefahren und je höher wir in den Norden kamen, desto rauher, kahler und heißer wurde es. Während es im März im südlichen Togo bereits 39° in der Sonne und Mittagshitze haben konnte, hatten wir im Norden von Benin und damit an der Grenze zur Sahelzone bestimmt satte 10° mehr. Besonders gemerkt haben wir das, als wir die letzte Stunde vor dem Nationalpark mit Motos zurücklegen mussten. Es war teilweise so heiß, dass meine Augen ohne Unterlass getränt haben und es sich wie bei einem Aufguß in der Sauna anfühlte. Nur ohne Möglichkeit mal kurz ne Ruhepause einlegen zu können. So sind wir weiter – der Wanderrucksack vorne übers Moto gelegt, pesten wir über Schlängelpisten am Berg entlang gen Safari. Am Ende durch dauerhafte Heissluft-Beföhnung lecker knusprig gebraten und verdreckt bis unter den Haaransatz, aber sehr gut gelaunt. Gut gelaunt bis zu dem Zeitpunkt, dass wir feststellen mussten, dass das Hotel quasi Monopolstellung in der Gegend hatte und dadurch satte Preise abverlangte. Aber da wir bereits so lange in Afrika waren, super organisiert sind und alles durchgeplant hatten, besaßen wir leider weder Wasser, noch Proviant. Aber dafür hatten wir immerhin auch nicht genug Geld mit! Also, tranken wir mehr teures Edelwasser als das wir gegessen haben und sparten so für die umgerechnet 150 Euro teure Safari. Ich denke, um zu dritt einen Jeep plus Fahrer zu mieten und einen Tag im Nationalpark zu verbringen, ein mehr als angemessener und unglaublich günstiger Preis. Und es hat sich gelohnt, aber richtig! Elefanten, Löwen, viele, viele Affen, Büffel, Krokodile, Vögel und sogar die Kehrseite von Hippos, die sich im Wasserloch gütlich taten. Es war toll. Gerade auch deshalb, da wir sonst in Togo nicht mit einer solchen Tierwelt beschenkt sind. Natürlich war es nicht so wie in Kenia. Aber dafür gab es auch keinen Massenauflauf und es ging ein bisschen unkonventioneller von Statten. Wollt ihr aufm Dach fahren? Klar, wollten wir! So saßen wir dort oben, wurden weiter von der Sonne gebacken und genoßen einen 360° Blick auf die Umgebung und beglückwunschten uns wieder einmal dazu, dass wir alles richtig gemacht hatten. Wir lebten an diesem Tag zwar nur von mitgebrachten Restchips, Schokokeksen und teilten uns die Reste eines winzigen Mittagessens vorm Vortag, aber wen interessierts, wenn man dafür so etwas geboten bekommt. Den schlimmsten Reisedreck wuschen wir uns danach in einem 35 Meter tiefen und wunderschönen Wasserfall ab und fuhren diesmal mit unserem Jeep wieder in die Stadt.
Am nächsten Tag war unser 48h Visa für Benin auch schon abgelaufen und wir mussten wieder nach Togo übersiedeln. An der Grenze haben wir die Zeit dazu genutzt, das einzige Weltkulturerbe Togos zu besuchen.
Koutammaku ist ein Nationalpark, indem die Hütten wie Lehmfestungen gebaut sind, zum Schutz vor der unglaublichen Hitze (uns wurde gesagt, es kann, wenn es ganz schlimm ist, fast an die 60° gehen!) und vor herannahenden Feinden. Gegen die Hitze gab es kleine winzige, dunkle Kammern, die die Kälte speichern sollten. Gegen die Feinde gab es Löcher in der Decke. Wenn sie sich im Wohnraum befinden, kannst du dich auf das Dach retten und durch diese versteckten Löcher mit Speeren nach ihnen werfen. Alles sehr interessant, aber wir mussten doch feststellen, dass wir wieder in Togo waren und alles ein bisschen anders läuft. Das Weltkulturerbe hatte nämlich zu. Zumindest war der Mann, der den Schlüssel zum Museum hat, nicht anzutreffen, sondern lag betrunken vom gestrigen Fest irgendwo herum und war auch von seiner Frau nicht aufzufinden. Wir haben dann kurzerhand einfach eine Familie nebenan gefragt, ob wir ihr Haus besichtigen können, was uns auch gegen ein bisschen Geld gestattet wurde. Es ist unfassbar, wie primitiv und doch geschickt man unter solchen extremen Bedingungen leben kann. Beeindruckt, aber auch immer froh, selber nicht da wohnen zu müssen, begutachteten wir die mit Fetisch vollgestopfte Festung. Tierköpfe, Krallen und Häute sonst welcher geschützter Tiere lagen im Wohnraum verteilt und durften auch nicht fotografiert werden, weil sonst irgendeine göttliche Erscheinung ziemlich miesgelaunt werden würde. Also, begnügten wir uns damit, alles in Augenschein zu nehmen. Als wir wieder rauskamen und unsere Motos besteigen wollten, kam der gute Mann mit dem Schlüssel und wollte uns nochmal Geld abnehmen. Nach harten Verhandlungen und einer einwandfreien Argumentation (Warum? Du warst doch überhaupt gar nicht da. Aber das hätte ja nichts damit zu tun), ließen wir uns von dem Partyfuchs noch eine kurze Führung durch zwei Räume geben, die angeblich das Museum darstellen sollten und gaben uns damit zufrieden. Schließlich waren wir sowieso hundsmüde und wollten eigentlich nur weiter in den Süden und in Richtung nach Hause kommen.
Aber das Einreisen war auch wieder mit großen Problemen verbunden. Da es keine richtige Grenze gab, konnten wir unsere Pässe nicht stempeln lassen. Für mich als grenzenlos aufgewachsener Europabewohner sowieso nicht nachvollziehbar, dass man das hier mit dem Ein- und Ausreisen so ernst nimmt. Dass das Stempeln, aber auch nur in Grenzstädten möglich ist und nicht in Kara, einer Stadt, die immerhin ne Stunde von der Grenze wieder entfernt war, erfuhren wir auch erst auf dem Commissariat in Kara selbst. Also, hat sich Julia erbarmt und ist nochmal zur Grenze gefahren und Flo und ich haben uns in der Hitze mit fünf Rucksäcken und einem 15 Litersack Wasser (Haha! Planung!) auf die Suche nach einem Hotel gemacht. Eine unfassbar nervige Angelegenheit, da wir wieder feststellen mussten, dass togoische Hotels tendenziell nicht auf Touristen oder vielmehr Gäste an sich eingestellt sind. Man weiß nicht, wie sie ihr Geld machen, aber bestimmt nicht durch guten Service oder die Bereitschaft irgendetwas von sich aus vorzuschlagen. So wollte eine Dame uns ein Zweierzimmer anbieten, hatte keine Matratze für die dritte Person, wollte aber den dreifachen Preis haben. Gegen so eine undiskutierbare Argumentation kamen wir auch nach 10 Minuten nicht an, also mussten wir eine Stunde durch die Stadt latschen und kamen fast gleichzeitig mit Julia und unseren gestempelten Pässen beim Hotel an. Feierabend.
Um hier zu schließen: wir kamen am Tag darauf und nach weiteren acht Stunden im großen Reisebus mit togoischer/ghanaischer/nigerianischer Kirchenmusik und diversen Soapeinlagen aus Jahrzehnten der qualitativ hochwertigen westafrikanischen Filmkunst auf einem Fernseher, der bei jedem Schlagschloch Stillstand hatte, wieder in Lomé an. Erschöpft, aber glücklich genossen wir einen Abend im bayrischen Luxuslokal in der Hauptstadt und nach so langer Zeit deutsche Küche. Mit Tränen in den Augen aßen wir Spätzle, Rotkohl und Senfsoße inmitten von Biedermeier Kunst aus dem bayrischen Hinterland. Ein perfekt unpassender Abschluss für einen fast perfekten Urlaub im westafrikanischen Stil.

Reisen in Absurdistan II: Ghana
Ghana! Das gelobte Land! Die einzige ernstzunehmende Demokratie in Westafrika. Städte wie in amerikanischen Hochglanzmagazinen und Autos, die neu sind. Keine Motos. Eine funktionierende Polizei, die tatsächlich kommt, wenn man sie ruft und eine medizinische Versorgung, die an europäische Standards herankommt. Strahlend scheint die Black Star Nation auf unser kleines und armes Togo. Da drüben hinter der Grenze ist alles besser. Davon wollten wir uns natürlich selber überzeugen und machten uns mit unglaublichen Vorstellungen auf, das westlich gelegene Nachbarland zu erkunden.

Au revoir, le Togo! Welcome to Ghana!
Als ob Togo uns noch einmal gebührend verabschieden wollte, fuhren wir in einem umgebauten Leichenwagen über die Grenze hin zu unserem zweiten Urlaub. Es gab zwei Bänke, auf denen sich 15 Leute gegenüber saßen. Und dann gab es uns. Wir durften auf Hockern in dem eigentlich nicht vorhanden Fußraum Platz nehmen. Natürlich zu zweit auf einen Hocker. Alles andere wäre nicht dem Stil entsprechend gewesen. Also, saß ich da. Mit halber Pobacke auf einem Holzhocker, versuchte Balance zu halten, da meine Sitzfläche bei jedem Hubbel und jeder Kurve in irgendeine Richtung geschleudert wurde und träumte von einer besseren Welt. Schmerzende und eingeschlafene Körperteile und ein plattgefahrenes Lamm später, kamen wir im größten Platzregen in Ghana an. Erste Tatsache: Naß, kalt teuer. Zweite Tatsache: Eigentlich auch kein Geld. Scheint bei meinen Reisen ein immer wiederkehrendes Problem zu sein. Jedenfalls hat Ghana natürlich auch eine andere Währung als Togo und alle seine anderen frankophonen Nachbarländer. Auch konnten wir, während man in Togo nur mit Visa Geld abheben kann, in Ghana vorwiegend nur mit Mastercard an Geld kommen. Als wir alle diese Anfangsproblemchen gelöst und einen Schlafplatz gefunden hatten, machten wir uns auf Erkundungstour. Wir waren noch nicht in der Hauptstadt und dennoch schon ein bisschen beeindruckt. Restaurants, fast normale Häuser. Dennoch immer noch die Stroh- und Wellblechhütten, die auch Togos Straßenrand säumen. Entgegen dem Tipp meiner Gastmutter gänzlich auf Essen in Ghana zu verzichten, da man "da drüben nur die Pest beim Essen bekommen kann", aßen wir ganz gut, aber auch etwas teurer als Zuhause. Am nächsten Tag wurden wir von einer fast unheimlichen Stille geweckt. Keine Ziegen- und Hühnergeschrei? Kein Kehrgeräusch um 4.30Uhr? Und wo bleiben überhaupt meine schon fast ans Herz gewachsenen, schreienden Radiomoderatoren? Verwundert und gespannt, machten wir uns nach kurzem Frühstück auf nach Accra, der knapp 3,5 Millionen Hauptstadt an der Küste. Stilecht im Trotro (ghanisches Buschfahrzeug), jeder auf seinem eigenen Sitzplatz (mein Po war sehr dankbar) und sage und schreibe einem Flatscreen auf dem amerikanische HipHop-Videos gezeigt wurden. Wo waren wir hier eigentlich? Ach ja, stimmt. Absurdistan.
Inmitten dieser unbeschreiblichen und irgendwie abstrusen Umgebung fuhren wir Straßen entlang, die nahezu perfekt waren und es wurde immer mehr sichtbar von einer entwickelten, kapitalistischen Umwelt. Einfamilienhäuser, Supermärkte und Bau- und Möbelhäuser, riesige Werbe- und Verkehrsschilder, Luxuskarossen. Aber zwischendurch immer noch Buschhütten, Wellblech und Stroh. Und dann kam Accra. A C C R A! Was für ein Monster. In jeder Hinsicht. Riesig, unübersichtlich und geordnet. Klein neben groß, modern neben alt, uselige Gammelshütten neben modernen Villenvierteln. Meine ordinären Fruchtgetränke wurden zu Smoothies, Fufu zu Pizza und Pudermilch und Rührkaffee zu Latte Machiato. Hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Entsetzen, weil alles einfach viel zu viel war, wurden wir hineingeschleudert in zu verwunderliche Eindrücke. Nach acht Monaten Dorfleben im Entwicklungsland war der Sprung zu groß. Im Appleshop in der Accra Mall (Ich betone nochmal kurz M A L L!) habe ich mein erstes IPad angefasst und einfach so Spiegel Online gecheckt. Warum auch nicht, es gab ja fast überall Wifi und Möglichkeiten für quasi kein Geld unlimited Internet zu benutzen. Da bin ich doch lieber mal ins Kino gegangen. Umgerechnet überteure 8 Euro, aber das musste nach so langer Zeit einfach mal sein. Der Geiz verbot zwar das Popcorn (was du dafür alles kaufen könntest!), aber ein Erlebnis war es trotzdem, sich in den dicken gemütlichen Kinositz zu kuscheln und sich anzuschauen, was denn für kleine Problemchen Hollywood so anzubringen hat.
Auf den ersten Blick also alles ganz wunderbar. Ich konnte wieder einmal Röcke und Hosen tragen, die nicht 10 Zentimeter unter dem Knie enden mussten. Wir machten Windowshopping. Genossen das perfekte Wetter zu einem Spaziergang am Strand. Schauten uns Cafés und abwechslunsgreiche Restaurants an. Leider nur von außen, denn Geld hatten wir keins. Beziehungsweise waren wir so vergeizigt worden von unserem togoischen Lebensstandard, dass wir schon fast ein krankes Verhalten an den Tag gelegt haben. Seitdem ich in Togo bin oder nach den ersten drei Monaten hier, bedeutet mir Essen eigentlich nichts mehr und doch alles. Sprich, ich esse nicht mehr sehr gerne, weil es mir langsam alles zu fad ist und zum Hals raushängt. Andererseits reden wir aber die ganze Zeit von Essen. Nachmittage sind schon auf Essensunterhaltungen und Träume von europäischem Luxusnahrungsmitteln draufgegangen. Und dann stehe ich dort, habe alle Möglichkeiten dieser kapitalistischen Umwelt und könnte essen was ich wollte. Was tun wir? Wir haben uns in diesem Urlaub das Essen fast gänzlich abgewöhnt. Zum Teil aßen wir an Tagen für unter drei Cedi (1,50 Euro) und hatten wirklich Schwierigkeiten damit, unser Geld bewusst für Essen "rauszuwerfen". Fassungslos, wo ich doch sonst bei allem spare, außer beim Essen. Da habe ich meine ersten wirklichen Veränderungen festgestellt. Ein knappes Jahr Togo prägt mich zumindest schon mal in diese Richtung. Ich bin gespannt, wie ich mich an die europäischen Maßstäbe und Preise gewöhnen soll...
Nichtsdestotrotz waren wir fleißig unterwegs in Accra. Mussten uns aber doch schlussendlich losreißen von diesem Paralleluniversum. Wir hatten schließlich einen Plan zu schaffen. Und da kam es dann doch. Der Schock! Das Aufwachen aus einem zu schönen Traum. Rund ums Reisen entdeckt man also doch immer noch jede Schwachstelle. Wo die Schwächen in Ghana liegen?

Situation an der Taxistation.
Ghanae: Hello, hello. Where you go?
Wir: We're looking for the Lorry Park (Busstation).
Ghanae: Yes, yes. Enter, enter.
Wir: Okay. But how much is it?
Ghanae: Yes, yes.
Leichte Reizung macht sich bemerkbar.
Wir: How MUCH?
Ghanae: For what?
Wir: (Stöhnen) For the Lorry Park! You know where it is?
Ghanae: Yes, yes. It's not far.
Wir: But HOW MUCH is it?
Ghanae: Where do you want to go?
Wir: (Unfassbare Stille. Schließlich, einer opfert sich) To the Lorry Park!!! And afterwards to Kumasi!
Ghanae: Yes, yes. Enter, enter. To Kumasi, Kumasi!
Wir: Okay. (Nerven zum Zereissen gespannt) First, we want to go to the Lorry Park. There we'll take a trotro to go to Kumasi. Just the Lorry Park and how much money would it be to to take us there? (Hey, auch unser Englisch war ein bisschen eingeschlafen nach so langer Zeit frankophoner Gesprächspartner...)
Ghanae: To Kumasi?
Wir: Verdammte Sch... (auf Deutsch!) To the Looooorrry Park!!!!
Ghanae: Oh, it's not far. 5 Cedis.
Wir: (Hoffnung wallt auf) You just said, it's not that far. We will give you two!
Ghanae: Where? To Kumasi?
Wir: ??? (Fassungsloses, verdattertes und hilfsbedürftiges Kopfschütteln) The LORRY PARK!! You know what. We'll just find another taxi. Thanks.
Ghanae: Oh okay. Better go to the street and look for a taxi. Don't pay more then 0.40 Cedis. It's close to here! (Dreht sich achselzuckend ab und lässt uns fassungslos zurück)

Ich nehme mir tendenziell gerne künstlerische Freiheiten, aber diesmal Fehlanzeige. So und nicht anders ist dieser Dialog abgelaufen. Ich habe ihn sofort notiert, um dieses wundervolle Beispiel an Kommunikationsmissvertändnissen darzustellen, die wir ununterbrochen in Ghana erleben mussten. Wie konnte es eine Nation so weit bringen, fragten wir uns, und so auf'm Schlauch stehen? Ob beim Omlette-Fachmann an der Straße, über den Hotelier in der touristischen Absteige bis hin zum Ticketverkäufer in Cape Coast. Fast keiner hat auf Anhieb gerafft, was wir eigentlich wollten. Anzunehmen, dass unser Englisch so schlecht geworden ist? Vielleicht. Aber da wir auch einen englischen Muttersprachler in unserer Reisegruppe hatten und auch ihm solche Missverständnisse unterkamen, konnte mangelnde Sprachfertigkeit zumindest nicht der Hauptgrund sein. Nun gut. Was soll ich sagen? Wir schlugen uns wacker durch den Dschungel an fehlgeleiteten Hinweisen und missverständlichen Geldangaben. Wer kann auch verlangen, dass man 50 Pesuas (0,5 Cedi) auch 50 Pesuas nennt, und nicht 5000, 500 oder 5?
Dennoch: wir haben viel gesehen und geschafft. Wir waren in Kumasi auf einem der größten Märkte Westafrikas, der bis zu 10 000 (!) Stände haben soll und im Reiseführer als Alienmutterschiff beschrieben wird. Zum Teil ein ganz guter Vergleich und nichts für das-erste-Mal-in-Afrika-auf-den-Markt-Geher, sonst würde es garantiert das letzte Mal bleiben. Wir haben Affen im Dschungel gestreichelt und sind auf Familie Obamas Spuren gewandelt und haben uns die Forts bei Cape Coast angeschaut. Dies war bis zur Mitter des 19. Jahrhunderts der Sklavenumschlagplatz par excellence und strahlt bis heute eine furchtbare Anziehungskraft aus. Eine sehr schöne Festung, direkt am türkisblauen Wasser gelegen und beeindruckend in ihrer Bauweise. Doch die äußeren Faszination passt nicht mit dem zusammen, was darin passiert ist. Wie weit gehen Menschen immer und immer wieder? Ziemlich weit, stellten wir während unserer Tour fest. Tausend Sklaven in drei Kellerräumen ohne Belüftung und Beleuchtung. Dicht aneinandergereiht, gtrennt von ihrer Familie, vegetierten zwei bis zehn Wochen, um dann auf ein Schiff wie die Konservenfische in die Karibik, nach Amerika oder Europa verschifft zu werden. Kalkulierte Verlustqutoe von bis zu 50 Prozent auf der Überfahrt inklusive. Ungewisses Schicksal, getrennt von allem, gingen die Afrikaner durch die "Door of no return". Da standen wir nun hundertfünfzig Jahre später, hörten uns die Schauergeschichten an und waren umgeben von Menschen, die ebenfalls als Touristen kamen, und dennoch so andere Hintergründe hatten als wir. Die Schauergeschichten waren ihre Geschichten. Geschichten von Menschen, die genau diesn Horror erlebt haben, und mit deren Nachfahren wir nun dort waren. Es machte sich ungewollt ein Unbehagen breit, was ich unkommentiert lassen muss, von dem wir aber alle ungewollt betroffen waren.
Regenwald, Traumstände – großartige Landschaften. Aber was bleibt für immer im Gedächtnis? Die Begegnung mit einigen Menschen.
Je weiter wir in den Westen kamen, desto häufiger haben wir Flüchtlingslager von der Elfenbeinküste gesichtet. Keine riesig Großen, aber dennoch beeindruckend und unangenehm. Dort in der Nähe zur Grenze und inmitten des Regenwaldes haben wir "Frenchman" getroffen, einen ehemaligen ivorischen Regisseur, der uns einen langen Abends an der Grenze einiges über afrikanische Demokratie erzählt hat. Interessante Informationen, die ich euch nicht vorenthalten will. Von denen ich aber auch nicht nachprüfen kann, ob sie stimmen. Zumindest nicht ohne weiteres.
Gbagbo war der frühere Präsident der Elfenbeinküste, stark national ausgerichtet und verfolgte eine eher abweisende Haltung gegenüber der ehemaligen französischen Kolonialmacht. Um eine zweite Amtszeit zu verhindern, sollen die Franzosen scheinbar, wenn nicht direkt, so doch indirekt in die Wahl eingegriffen haben. Vier Monate vorher sollen keine französischen Medikamente mehr an ivorische Apotheken geliefert worden sein, Menschen konnten nicht mehr versorgt werden im Krankheitsfall. Es soll ein Ausfuhrverbot nach Frankreich von ivorischem Kakao und Kaffee gegeben haben. Zudem soll die Anzahl der französischen Soldaten vor Ort stetig erhöht worden sein. All das, um Druck auf die Bevölkerung auszuüben, doch einen frankophileren Präsidenten zu wählen. Dies kann ich nicht nachprüfen (obwohl man es bestimmt versuchen könnte), wurde uns aber von einem geflüchteten Ivorer so zugetragen. Das hinterlässt einen etwas faden Geschmack und die Frage, inwiefern sich Frankreich sich noch immer an seine ex-Kolonien gebunden fühlt und ob Demokratie unter diesen Umständen als solche gelten kann. Bisher hatte ich in dieser Frage eine sehr einfache Einstellung – wer gewählt ist, ist gewählt und sollte auch seinen Präsidentenpalast beziehen dürfen. Vielleicht in dieser Frage zu einfach. Ich weiß es nicht.
In Cape Coast hatten wir auch die "Freude" eine rassistische Schwarze aus Europa kennenzulernen. Okay, zu ihrer Entschuldigung: sie war sicherlich ein bisschen verrückt. Dennoch war sie auch sehr stark davon überzeugt, dass Weiße die Festung nicht besuchen dürften, weil wir uns nicht in das Schicksal der Schwarzen einfühlen könnten. Zudem wird sowieso irgendwann die schwarze Bevölkerung das Zepter in die Hand nehmen und die Europäer würden in Ketten gezwungen werden. Dann würden sie all das abbekommen, was die Schwarzen zu erleiden hätten. All das erzählte sie in dramatischer Gestik und Mimik ihrem Videohandy, mit dem das ganze Geschehen aufgezeichnet wurde. Besonders schön: auch unter der Erinnerungsplakete des Forts: "May humanity never again perpetrate such injustice against humanity." Da hat einer aber alles richtig verstanden und die besten Schlüsse gezogen! Ich fand die Dame absurderweise aufgrund ganzen Aufmachung viel zu komisch, als dass ich sie ernst nehmen konnte. Aber es ist trotzdem auch wichtig und natürlich trotzdem ein wenig unangenehm, Leuten zu begegnen, die solche Einstellungen vertreten. Auch wenn ansonsten in unserer Touristengruppe keiner diese Ansicht war. Denen war der Auftritt vielmehr peinlich und sie warfen uns unter schwer zurückgehaltem Loslachen, entschuldigende Blicke zu.
Meine lustigste Begegnung hatte ich auch in Cape Coast! Direkt am Wasser spazierten wir an Touristenläden der Rastafari vorbei. Man kennt sie, man kennt die Sachen, man kennt all das. Irgendwann haben wir uns doch mal einen Laden aus der Nähe angeschaut, sind aber rückwärts direkt wieder raus, weil es einfach nichts war. "Dass das nix ist, seh ich sofort", meinte Nils. "Ach ja, woher weißte dat denn?", fragte der Verkäufer auf deutsch zurück. Ooops. Woher er so gut deutsch könne? "Isch komm aus Aachen." "Ne, ich auch!!!", rief ich freudig. "Alter", schrie er, "ne eschte Oecher!! Das ist ja illegal!!" Dann unterhielt ich mich eine halbe Stunde mit Dennis aus Eschweiler. Wir haben uns erstmal, er im schönsten oecher Dialekt, ausgetauscht über Aachen, Deutschland und über die Art und Weise in Ghana, Togo und an der Elfenbeinküste zu wohnen. Was Zufälle so bringen.
Nach all diesen Begegnungen, Besichtigungen und Beeindruckungen, war unsere Zeit irgendwann sehr schnell zu Ende. Ich glaube, so richtig traurig war keiner. 46 Stunden Busfahren in neun Tagen sind einfach anstrengend, da kann die Straße noch so gut sein. Wir sehnten uns nach dem "Bonjour. Ca va!" (Französisch ist einfach die schönere Sprache), dem "Yovo, yovo, ca va bien, merci"-Chören, und den netten Togoern. Uns wurde viel von Ghana versprochen, einiges wurde gehalten, vieles aber auch nicht. Ghanaen sind zu Touristen aufgrund der Unmenge von ihnen, nicht mehr allzu freundlich. Wir sehnten uns nach Motofahren und unkonventionellem Geplapper mit wildfremden Leuten. Die Ghanaen waren eher schon "busy-in-business". Wir sind froh, dass wir im wunderbar schäbigen Kpalimé nur den Inder (der eigentlich doch Pakistani ist) zur Auswahl haben, der alles an Luxusnahrungesmitteln hat, was wir wollen: Dosenmais, Klopapier und mal eine Cola Kurz: wir wollten einfach nach Hause. Zum Schluss waren wir Richtung Grenze unterwegs. Wir verliessen Ghana im Regenguß, Schlammüberflutung inklusive. Zudem war es dunkel wie die Nacht, da Stromausfall herrschte. Mit Blick auf den strahlend beleuchteten Boulevard Lomés, eilten wir unserem Lieblingsland entgegen. Und plötzlich wurde uns bewusst, dass das Zuhausegefühl doch von vielen verschiedenen Faktoren abhängt und das kann nicht durch keinen noch so europäisierten Konsum erreicht werden.

Welch, erleuchtende Einsichten, dachte ich mir und brauste auf einem Moto meinen letzten zwei Monaten in Togo entgegen. Meinem Lieblingsabsurdistan, das ich den Rest meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen möchte, um noch alle Absurditäten aufsaugen zu können, die hier auf mich warten. Und von denen mir wahrscheinlich die Hälfte gar nicht mehr auffallen wird. Darf ich mich vorstellen? Frau Absurdistan höchstselbst!
Viele Grüße aus Togo,
Sabrina

Montag, 14. März 2011

Warum wohnen deutsche Studenten in Toiletten? Wie viel Integration ist eigentlich richtig? Und wieso vermittelt Stars Wars auch Lebensweisheiten?

Montag, 11.53 Uhr, das Ende naht in der Doppelstunde Deutsch, Lycée Agou Nyogbo

Sabrina: So, also, der Text mit den deutschen Jugendlichen ist gelesen, Fragen habt ihr hoffentlich beantwortet. Gab es denn Probleme mit Wörtern im Text?
Klasse: (Allgemeines Schweigen)
Sabrina (deutlich verlangsamt): Gab. Es. Probleme. Mit. Wörtern. Im. Text?
Klasse: (Schweigen hält an)
Sabrina (beugt sich dem Druck): Est-ce qu'il y a des mots qui vous ne connaissez pas?
Klasse: Aaaaahhhh..... oui, oui. C'est quoi „WG“?
Sabrina: Okay, es bedeutet nicht Toilette, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.
(Bewegt sich zur Tafel und schreibt WG = Wohngemeinschaft = domicile en commun, communauté. Darunter: WC = Toilette. Dies und einige Erläuterungen später) Unterschied verstanden?
Klasse: Ja, ja!!!
Sabrina: Gut. Warum. Sieht. Julia. Ihre. Eltern. Jetzt. Nur. Noch. So. Selten?
Zappa aus der dritten Reihe: Julia kann sehen ihre Familie nur selten, weil … (zweifelnder Blick an die Tafel, Blick aufs Blatt), weil... sie in einer Toilette wohnt!

Ich sitze an meinem üblichen Platz und wie so oft vor meinem Computer in meiner kleinen Wellblechhütte, starre an die mittlerweile geliebte Blümchentapete und zerbreche mir ein bisschen den Kopf, wie ich meine sechs Monate in Togo zusammenfassen kann. Immer wieder blättere ich in meinem Kalender, zähle die Tage, die hinter mir liegen und überlege, was wohl noch alles so auf mich zu kommen mag, in meinen noch kommenden drei Monaten in Nyogbo.
Was soll ich euch sagen? Ich bin hin- und hergerissen zwischen Hochgefühlen und Traurigkeit, Heimweh und Zufriedenheit, Sinnvollem und Sinnlosen, Naivität und Realität. Während ich gerade genüsslich an meiner Bouille (eine Art togoischer Kinderbrei, der aus Hirse, Reis oder Maniok gemacht werden kann) mümmle, komme ich ins Grübeln. Laute Musik weht rein und wiederholt ärgere ich mich über togoische Radiomoderatoren, die Stunden lang kreischen und reden. Wenn sie dann aber beschließen, endlich Musik zu spielen, singen sie so laut und schief mit, dass man sich wundert, warum sie überhaupt welche laufen lassen. Über was sie da eigentlich die ganze Zeit quatschen, ist mir nach 200 Tagen immer noch ein unlösbares Rätsel.
Eigentlich fühle ich mich zufrieden. Aber uneigentlich? Ich muss doch gestehen, dass mir die Zuschauerbank, die mir der Freiwilligenstatus verschafft und auf der ich bisher so gemütlich und weich gesessen hatte, langsam aber sicher ziemlich am Hintern drückt! Sei es in der Schule oder in der eigenen Gastfamilie. Mittlerweile beschäftige ich mich oft mit der Frage, wie viel Integrationswillen und Bereitschaft zum Verzicht auf die eigene Meinung ich mir selbst denn erlauben kann? Wann ist der Punkt überschritten, an dem man sich entscheiden muss, nehme ich das, was ich sehe, so an oder mische ich mich ein? Werde ich mir selbst untreu, wenn ich nur hinschaue und mich raus halte? Inwieweit bedeutet Integration in eine fremde Kultur der Verzicht auf viele der eigenen Werte? Kurz: Wie viel Integration ist die richtige Integration?
Natürlich stellte ich mir in Deutschland so Fragen nicht. Zumindest bisher nicht. Warum auch? Da kenne ich mich aus und kann davon ausgehen, dass mein Freund, Nachbar und der Großteil der deutschen Gesellschaft die gleichen oder doch ähnliche Ansichten besitzen. Zum Thema körperlicher Unversehrtheit zum Beispiel. Bei uns ist es klar, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen. Weder in der Schule noch in der Familie. Ob es in allen Familien durchgesetzt wird oder nicht, ob ein Klaps eine tolerierbare Grauzone ist oder eine Ohrfeige die Ausnahme, ist dann wieder die Frage. Aber zumindest gibt es im Grunde genommen doch rechtliche Grundlagen, die relativ gut funktionieren. Okay, jetzt schweife ich ab. Was ich sagen möchte ist, dass ich in Deutschland bisher keine Diskussion über körperliche Strafen anfangen musste, weil ich doch wusste, dass im Grunde mein Umfeld dieselben Ansichten vertritt wie ich. Mit dieser Einstellung komme ich nach Togo, bereit mich an einiges zu gewöhnen. Natürlich wurde uns eingebläut, dass wir hier nicht mit den deutschen Maßstäben messen dürfen. Klar, dachte ich, werde ich schon nicht. Ich bin doch ein toleranter Mensch und wenn ich was sehe, was für mich absolut nicht geht, werde ich vernünftige Gespräche führen und mit Hilfe des gesunden Menschenverstands (sprich in dem Fall natürlich meinem), mein Gegenüber schon zu überzeugen wissen.
Jetzt sitze ich nach sechs Monaten in meiner Gastfamilie. Höre wie meine Mutter einen Teppich ausschlägt. So richtig laut drauf klatscht. Dann fängt der vermeintliche Teppich an zu kreischen und zu weinen und ich muss feststellen, dass es doch wieder meine Gastschwester ist. Ich laufe raus, stell mich daneben. Zumindest das bringt Inno dazu, den Stock weg zustellen. Ich gehe zu Mawssime, die sich vor Schmerzen die Schulter hält und tröste sie so gut es geht. Natürlich verschwindet sie nach ein paar Minuten und arbeitet wieder. Bevor es nochmal Schläge wegen Faulheit geben könnte. Ich knie noch auf dem Boden und in mir brodelt es richtig. Diesmal spreche ich Inno drauf an. Jetzt reichts. Ich kann es einfach nicht mehr sehen. Doch erst verschiebe ich das Gespräch auf abends, dann auf den nächsten Tag, letztendlich lasse ich es ganz sein. Kann ich mich einmischen? Inno, bitte hör auf deine Nichte zu schlagen, sie arbeitet doch schon 12 Stunden am Tag, manchmal bis späten Mittag ohne etwas zu essen. Sie holt alles, macht sauber, fegt den ganzen Hof, kocht. Nachts macht sie total erschöpft zwanzig Minuten ihre Hausaufgaben, glücklich wenn Inno sie nicht alle 2 Minuten wieder aus der Konzentration holt. Was verdammt nochmal willst du noch? Ich weiß es nicht und wunder mich über mich selbst, was aus mir geworden ist. Verschüchtert von dem fast schon zwanghaften Gedanken, dass ich tolerant sein muss, dass es schon seine Beweggründe haben wird und dass man in Afrika einfach anders mit seinen Kindern umgeht? Kann ich es mir erlauben mich einzumischen? Ich habe schon öfter mit Inno über Kindererziehung gesprochen. Sie meint, dass ich das nicht verstehen würde, dass Kinder in Afrika andere Dinge lernen müssen. Wenn Mawssime nicht kochen lernt, kann sie später keinen Mann finden. Ihn nicht bei Laune halten und ernähren, genau wie ihre komplette Familie. Was soll ich dazu sagen? Nach einem halben Jahr. Reicht das um Überzeugungsarbeit zu leisten? Habe ich jetzt den Durchblick? Vielleicht würde sie es mir auch gar nicht übel nehmen. Wahrscheinlich aber auch, dass es sie gar nicht interessiert. Als ich Besuch hier hatte, waren meine Mutter und Christian teilweise total entsetzt von dem Umgang, der hier herrscht. Kann man denn da nichts sagen? Das geht doch so nicht. Das arme Kind arbeitet sich kaputt. Überrascht habe ich daraufhin festgestellt, an was ich mich schon alles gewöhnt haben muss. Nein, in der Tat so geht es nach deutschem Maßstab nicht. Aber das ist mir irgendwie zu einfach gedacht. Kann man sich nach ein paar Tagen in der togoischen Realität, gepolstert vom Status des verwöhnten Europäers, der nichts außer der westlichen Lebensweise kennt, hier hinstellen und sich einmischen? Das geht meines Erachtens auch wieder nicht. Die Frage ist nur, mit welchem Maßstab messe ich selbst nach sechs Monaten Togo?
Manchmal ärgere ich mich aber auch über andere Sachen. Wir haben Familienzuwachs bekommen. Ein einundzwanzig jähriges Mädchen und ihrer anderthalb Jahre alte Tochter. Juliette, die Kleine, hat am Anfang viel geschrien und ich habe mich schon etwas gewundert, denn normalerweise schreien afrikanische Kinder nur selten. Dann musste ich raus finden, dass sie vor Hunger schreit. Könnt ihr euch das vorstellen? Bildlich jetzt? Ich esse meinen Teller schön vollgeladen bis oben hin und neben mir hungert ein Kind? Das Traurige dazu, dass ich es nicht mal bemerke? Kein schöner Gedanke. Und warum hungert Juliette? Weil Inno ihr nichts zu essen gibt. Sagt die Mutter. Inno sagt, es wäre Essen da, es müsste nur jemand zu bereiten, sie sieht sich da nicht in der Verantwortung. Was für ein Müll, denke ich mir da. Wenn das Kind schreit, gebt ihm doch um Himmelswillen was zu essen und verzichtet auf irgendwelche Autoritätsspielchen. Mittlerweile laufe ich schon gehetzt auf den Hof raus, wenn die Kleine schreit, weil sie sich letztens furchtbar die Füße verbrannt hat auf dem heißen Boden. Sie stand heulend da, barfuß, klatschnass geschwitzt, die Mutter läuft ohne zu helfen vorbei. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Als ich kam, hat sie mir flehend die Händchen entgegen gestreckt und fast einen halben Liter Wasser getrunken. Naja, die Kleine muss halt lernen, dass sie nicht mit nackten Füßen auf den heißen Hof raus läuft. Das bekommt man dann als Antwort. Sind das jetzt unterschiedliche Erziehungsauffassungen? Fragen über Fragen, aber weitergekommen bin ich dadurch nicht.
Aus solchen Sinnkrisen holt mich dann manchmal die Schule.
Nicht, dass dort das Thema Kindererziehung nicht von Belang wäre. Aber erstens bin ich im Lycée, das heißt dort schlägt man weniger (die Jüngeren im Collège schlägt man häufig, die sind ja auch noch zu formen) und zweitens bin ich mittlerweile wahrscheinlich auch einfach weniger zimperlich geworden. Ich wäge dann auch manchmal ab. Was ist besser für die Schüler, lieber zehn Schläge oder eine Stunde auf dem harten Betonboden knien?
Nichtsdestotrotz.
Nach den Weihnachtsferien war ich wieder schnell zurück. Dienstags mein eigener Unterricht in Englisch läuft gut. Abgesehen davon, dass ich mich damit herum plage, dass meine Schüler öfter meinen kopierten Text vergessen und ich improvisieren muss. Ich habe nun eine kleine Umfrage gestartet, um genauer zu erfahren, was sie denn in Englisch noch lernen wollen und wo es bei ihnen hadert. Zudem wollte ich wissen, welchen Beruf sie später machen wollen. Abgesehen davon, dass manch einer meiner Schäfchen einfach nur reich sein möchte oder Fußballstar als Lebensziel anpeilt, kamen doch einige ernsthafte Ideen wie Lehrer, Arzt und Banker. Allerdings, auf näheres Nachfragen hin, bekam ich das Gefühl nicht los, dass sie auch einfach keine anderen Berufe mehr kennen. Wie denn auch, frage ich mich, wenn die meisten keinen in der Familie haben, der entweder studiert hat oder selbst nur einen der oben genannten Berufe ausübt. Zudem wenn es kein Internet gibt bzw. sie gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollten, wenn sie Zugang dazu hätten. Schwierig, schwierig. Aber im Endeffekt weiß man andererseits auch in Deutschland nicht unbedingt in der elften Klasse, was man später werden möchte, wenn man mal irgendwann erwachsen werden sollte. Da urteile ich nicht zu hart, bin ich doch selbst ein gutes Beispiel für berufliche Unentschiedenheit. Allerdings ist mein näheres Ziel nun eine Art kleine Studienberatung zu starten und die Homepage der Uni von Lomé zu konsultieren. Wäre schön, wenn ich ihnen so ein bisschen etwas über andere Studiengänge berichten könnte.
Des Weiteren sind wir gerade dabei Briefe an eine Schule in Duisburg zu schreiben und was muss ich feststellen? Wie motiviert und begeistert meine Schüler mitmachen. Die importierten Wörterbücher werden mir quasi aus der Hand gerissen und von allen Ecken schallt es „Frau Sabrina“, „Madame“ oder manchmal auch einfach nur „Frau, Frau“. Ich fühle mich bei allem angesprochen und es läuft wirklich gut. Vielen Dank an dieser Stelle für jedes einzelne Wörterbuch von Euch! Sie helfen wirklich viel und die Schüler lieben es damit zu arbeiten.

So, nach nun fast 2 Wochen Bearbeitung dieses Blogs, fällt mir auf wie negativ sich mein Familienleben für euch anhören muss. Aber es ist auch wichtig, dass ich euch sage, dass es auch andere Momente gibt! Tage an denen alles rundgeht. An denen ich meine lachende und vor Freude kreischende Gastschwester um den Hof jage. An denen ein 15 Teile Puzzle zu einem Generationenspiel wird, weil neben Mawissime, Juliette, auch meine Gastoma und Innos Freund mitpuzzeln. Augenblicke in denen ein „Sabsab“ oder ein „Sabroooo“ von Inno meine Laune hebt. Abende an denen man einfach zusammensitzt und Sterne anschaut. Situationen auf der Straße, wenn ich immer wieder anhalte, um einen Plausch mit allen möglichen Bekannten zu halten. „Bonne arrivée“, „Efoa?“ oder einfach ein nettes „Ca va?“ erhält man an jeder Ecke. Anstrengende Minuten, wenn ich mich überreden lasse, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und es dann mehr schlecht als recht auf dem Kopf nach Hause schleppe. Jeder Schritt allerdings von anerkennenden Worte und jeder Menge hilfreiche Ratschläge meiner Nachbarn begleitet. Es gibt Abende, an denen Inno mir spontan die beste Pizza Togos serviert. Und den anderen natürlich auch was abgibt. Tage, an denen Nachhilfe geben, Unterricht halten und in der Bibliothek sitzen und quatschen, erfüllend wirken. Abendstunden, in denen die Moderatoren genau im richtigen Moment den Mund halten und eines meiner togoischen Lieblingslieder spielen. Ganz normale Tage die durch freundliche Menschen und liebe Gesten zu großartigen Tagen werden. Momente, in denen einfach alles gut ist und die sich wunderbar anfühlen. So als ob man einfach am richtigen Ort zu sein scheint.
Aber wie kann ich die dunklen und hellen Momente in meinem Gefühlschaos ordnen? Muss ich mich entscheiden und Inno unausstehlich finden, weil sie nicht so ist und denkt wie ich? Weil ich ihr Verhalten teilweise unmöglich finde und andersrum doch froh bin, dass sie manchmal einfach so trocken-herrisch ist? Was tun? Was lassen? Zur Ablenkung schaue ich Star Wars und was erhalte ich da? Tipps für jede Lebenssituation. „If you are not with me, then you're my enemy!“, sagt Anakin Skywalker zu Obi Wan in der Endgegnerschlacht in Teil Drei bevor er zum Sithlord Darth Vader mutiert. Der Jedi antwortet daraufhin „Only a Sith deals in absolutes.“
Was sagt mir das? Außer das ich zu viel Science Fiction schaue und mich nicht immer in andere Welten träumen sollte? Inno ist nicht wie ich. Aber kann ich sie verurteilen? Sie hat andere Hintergründe und Erlebnisse, die sie so gemacht haben wie sie ist. Genauso wie ich durch alles Mögliche im Laufe der Zeit geprägt wurde. Es gibt so viele kulturelle und altersbedingte Unterschiede zwischen uns, dass man kaum Gemeinsamkeiten findet. Kann ich erwarten, dass wir reibungslos funktionieren? Nein, beim besten Willen nicht. Zudem kann ich die Welt nicht immer so einfach in Gut und Böse teilen. Ich übersehe sonst die Grauzonen. Es gibt keine Lösung für mein Problem. Keine „richtige“ Integration. Es ist einfach nur verdammt viel Arbeit und Verständnis für mein Gegenüber notwendig. Aber genauso viel Verständnis möchte ich auch von ihr haben und zwar für meine Ansichten. Schließlich sind wir beide weder Bösewichte, noch fehlerlos! Also, bleibt mir als Fazit wieder nur eins. Kommunikation ist und bleibt das oberste Gebot.
Aber dazu begebe ich mich nun nach sechs Monaten von der Zuschauerbank endlich ins togoische Spielgeschehen! Und, ich will auch mal den Ball haben...

Viele Grüße aus unglaublichen 41°,
Eure Sabrina

Donnerstag, 10. Februar 2011

La visite d'une extraterrestre – Per Reiseführer durch den Norden Togos

Es begab sich zu einer Zeit als in Deutschland eisige Kälte herrschte, dass ich im heißen togoischen Winter Besuch einer Außerirdischen bekam. Ich war nicht überrascht, schließlich hatten wir es schon vor meiner Abreise verabredet. Am 28. Dezember 2010 wagte meine weihnachtlich-blasse Mama den Schritt über das Mittelmeer und hinein in meine neue, sonnige Welt.
Was, fragte ich mich als europäische Togoerin da, sind die wichtigsten Hilfsmittel, um sich als Außer-Afrikanische südlich der Sahara und irgendwo in der westafrikanischen Peripherie zurecht zu finden? Ebenso wie in dem wunderbaren Buch, dessen Titel mir auch als Inspiration zu diesem Bericht diente, handelt es sich dabei zunächst um das Hilfsmittel „Handtuch“. Glaubt es oder nicht, aber ein Handtuch kann hier schon einige Vorteile bringen. Man kann es sich umhängen, Mücken verscheuchen, Pfützen von ausgelaufenen Wassersachets aufwischen, es als Kopfkissen/ Laken/ Decke benutzen, es sich bei Fieber nass um den Kopf wickeln oder aber auch, abhängig vom Reinlichkeitsgrad, wunderbar damit abtrocknen. Ihr seht – unerlässlich. Weiterhin hilfreich sind ein Fotoapparat (man sollte ja schließlich in Außer-Afrika beweisen können, dass man einheimische Flora und Fauna gesehen hat), eine sinnvolle Malariaprophylaxe (trotz welcher man, entgegen außer-afrikanischer Hinweise, dennoch Malaria bekommen kann) und natürlich ein Koffer voller Geschenke, um erste Sympathiepunkte bei der togoischen Familie zu sammeln. Bereits bei der Einreise, zeigte meine außerirdische Mutter auch ein sehr gutes und seltenes Anpassungsvermögen. Schließlich heiratete sie quasi direkt am Flughafen einen Togoer und „verlor“ ein bisschen Geld, um oben genannte Hilfsmittel ohne Probleme ins Land zu schleusen. Wer es an dieser Stelle nicht versteht, macht nichts. Manches kann man aus der togoischen Realität nicht öffentlich in einen Blog schreiben.
Wie dem auch sei, meine Außerirdische kam nach einer wackligen Reise durch die Galaxis bei mir an. Zumindest körperlich. Geistig brauchte sie eine Weile, um all das, was sich um sie herum abspielte und inzwischen zu meinem Alltag gehört, zu verarbeiten. Wohlweislich verfrachtete ich meine Mutter in ein annehmbares Luxus-Hotel nach togoischem Maßstab. Die ersten Anpassungstage verbrachte sie dennoch in einem Zustand des Sich-Wunderns. Es ergaben sich folgende Fragen zum Einleben:
Wie viele Menschen passen auf ein Moto/Minibus? (Antwort: Man kann es nie genau sagen. Gelten Kinder da als zählbare Faktoren?)
Wird die Toilette bei dir noch schlimmer? (Haha, welche Toilette?)
Wo ist die Dusche? (DAS ist die Dusche.)
Kann man das Leitungswasser hier eigentlich trinken? (Jaja... Moment, was, hast du gesa... NEEEEIN, STOP! Spuck das SOFORT wieder aus!)
Wie heißt denn die Straße hier? (Es gibt keine Namen für Straßen. Zumindest nicht unbedingt unterschiedliche für verschiedene Wege)
War da gerade eine Ziege auf dem Autodach festgemacht? (Hab es nicht gesehen, aber klar, warum nicht?)
Darf ich ein Bild von der Frau mit dem Kind auf dem Rücken, dem vollgepackten Moto, der bunten Eidechse machen? (Mach was du möchtest, aber du wirst noch unendlich viele sehen!)

Okay, kurz gesagt: Die Zeit mit meiner Mutter ging rasend schnell um.
Die ersten Anreisetage waren wir in Lomé, dann zu Neujahr in meinem Dorf und haben fleißig Bekanntschaften mit der Feierwut und der unendlichen Lautstärke togoischer Riesenmusikboxen vor meiner Zimmertür gemacht. Man kann also auch Pech haben in einer Bar zu wohnen... In Nyogbo habe ich eine kleine deutsch-togoische Familienzusammenführung gestartet und meiner Mutter das Dorf und die Umgebung gezeigt. Müde, aber sehr zufrieden gingen die Tage um und bevor wir uns noch wundern konnten, war Silvesterabend, den wir sehr gemütlich verbracht haben und erst um Mitternacht in die Kirche gegangen sind. Dort steppte dann allerdings der Togoer! Holla, die Waldfee. Es war richtig schön das ganze Dorf feiern zu sehen. Den ersten Januar sind wir vormittags auf den Mount Agou gefahren, um Flo, unseren freiwilligen Einsiedler auf dem Berg, und seine gesamte togoische Familie zu treffen und mit Fufu und Sodabi (dem bekannten Höllengesöff) auf 2011 anzustoßen.
Frisch und gesund ins neue Jahr gestartet, sind wir tags darauf auch schon in den weiten Norden Togos gereist. Mit einem Minibus vollgepackt mit Ziegen, einem Hund, zwei Hühnern, wovon wir eines unterwegs verloren haben, und 18 Menschen mit Gepäck fuhren wir über die Route Nationale Richtung Atakpamé. Ich denke bereits die Reise war ein Erlebnis außerirdischer Art! Heiß, stickig, eng, selten so einen Neujahrsbeginn verbracht. Wir haben uns aber dennoch sehr gut unterhalten gefühlt und kamen staubig und müde nach 6 Stunden Reise zufrieden an. Von den sechs Stunden haben wir aber sicher zweieinhalb noch in Kpalimé verbracht, weil wir warten mussten bis das Auto auch wirklich richtig vollgepackt war.
Aber als ich mir meinen Reiserucksack umschnallte und loszog, um endlich was von dem Land zu sehen, das ich seit knapp vier Monaten mein Zuhause nenne, stellte sich mir die Frage: Was kann man als Tourist in Togo eigentlich sehen? Es ist verdammt schwierig im Vorhinein eine Antwort zu finden. Der Reiseführer erzählt viel, nützt aber dennoch wenig, abgesehen von einer eingegrenzten Hotelauswahl. Togo ist und bleibt einfach kein typisches Touristenland und damit muss man sich abfinden. Aber genau darin liegt auch irgendwie der Charme. Wir waren auf den „routes less travelled“ unterwegs und haben uns an den togoischen Eigenheiten, einer wunderbaren Landschaft und den vielen Menschen erfreut. Manchmal konnten wir uns vollgepackt mit drei Rucksäcken und völlig entnervt vor Motofahrern nicht wehren. Dann waren wir wieder total eingenommen von Menschen, die kaum etwas besitzen, aber das was sie haben so offenherzig teilen, als ob sie alles besäßen. Natürlich hört man es oft und ich will nun nicht auch noch in dieselbe verallgemeinernde Tröte der „unheimlich gastfreundlichen Afrikaner“ blasen, aber ich muss euch wirklich und ernsthaft sagen: der Großteil der Togoer sind so unheimlich nett und entgegenkommend, dass wir uns schon manchmal gefragt haben, womit wir das verdient haben! Man wird sofort eingeladen, bekommt zumindest kalte Getränke serviert, wenn nicht noch eine warme Mahlzeit. Selbst wenn der Gastgeber dafür nochmal schnell einkaufen gehen muss. Unfassbar offenherzig und ich muss es einfach doch sagen, gastfreundlich! Andererseits gibt es natürlich auch viele Menschen, die nach den ersten zwei Minuten unserer Bekanntschaft den reichen Yovo nach seinem Handy, dem Rucksack fragen und noch 100 CFA fürs Essen haben wollen. „Il faut me donner un vélo“, hörten wir oft von Kindern. Man kann es nicht ändern und manchmal doch auch verstehen, dass sie fragen, dennoch nervt es nach einer Weile sehr. Punkt.
Was haben wir also getan, so als Tourist in Togo?
Wir haben kleinen Kindern zwar kein Fahrrad, aber dafür unsere Emailadresse gegeben. Wir haben Busreisen der außergewöhnlichen Art verbracht. Wir schlugen uns mit miserablen Klimaanlagen und netten Mechanikern herum. Wir lernten den nicht auf touristen-eingeübten Service in togoischen Hotels kennen. Wir lernten, dass man im Norden nie das bekommt, was auf der Menükarte steht, weil alles schon weg ist. Wir haben einen armseligen togoischen Nationalpark besucht und lernten, wie miserable Politik und bis heute vierzig Jahre Diktatur einem Land eine so hoffnungsvolle touristische Einnahmequelle versiegen lassen kann. Dennoch oder gerade deshalb freuten wir uns riesig über einige Affen, noch weniger Gnus und eine wacklige Allradtour durch eine wunderbare Landschaft. Wir spazierten durch Städte und Gegenden, von denen wir uns eingestehen mussten, dass wir selten so etwas Trostloses gesehen haben. Vor allen Dingen mussten wir aber damit umgehen, dass wir als Touristen in Togo immer nur auf der Zuschauerbank sitzen können. Wir schauten uns die Menschen an und gingen dann weiter unserer touristischen Wege.
Als wir einmal so beieinander nachmittags in der strahlenden und heißen Sonne saßen und quatschten, setzte ich mich irgendwann auf und meinte, dass sich Togoer niemals so in die Sonne setzen würden, die meiden die Sonne sinnvollerweise und sitzen nur im Schatten. Daraufhin sagte meine Mutter, den für mich unvergesslichen Satz dieses Urlaubs, wenn nicht sogar meines Aufenthaltes: „Selbst wenn wir uns in den Schatten setzen würden, wären wir noch lange keine Togoer.“ Ob sie es geplant hatte oder nicht, selten kam mir ein Spruch so unheimlich weise vor. Denn nach vier Monaten in Togo merkte ich langsam, dass ich einfach in einer anderen Kultur gelandet bin und dieser Satz fasst meine Gefühle ziemlich gut zusammen.
Ich passe mich an, versuche mich an alles zu gewöhnen, offen und tolerant zu sein. Ich tue meistens das, was man mir sagt und versuche keinen falschen Schritt zu machen. Aber um glücklich zu sein, kann ich auch nicht auf alles verzichten. Ich muss manchmal über mein vor ölschwappendes Essen jammern und mir einen wunderbaren Salat im Restaurant bestellen. Ich muss einfach über diese Horrorfahrweise maulen und lautstark den Fahrer verfluchen, wenn er rast wie ein Verrückter oder die Augen verdrehen, wenn wir nochmal am Straßenrand anhalten, um den achten Passagier einzusammeln, der sich noch irgendwo dazwischen quetscht. Ich kann diese Kommandiersprache nicht ab, ich möchte gebeten werden. Anstatt „Vas..., Il faut..., viens!“ kann man doch auch einfach ein „Bitte“ einfügen, was ist daran verdammt nochmal so schwer? Die Straßen sind richtig schlecht, ich sag euch so Schlaglöcher habt ihr und eure Autos noch nie gesehen! Oft geht mir das Yovo-sein auf den Sack, ich fühle mich dauernd bei den Preisen übervorteilt und überhaupt würde ich auch gerne mal wieder ins Kino. Diskussionen über das Schlagen an Schulen fange ich gar nicht erst an, Lösungen habe ich schließlich auch nicht. Und einen leckeren Kaffee könnte ich auch mal wieder haben. Außerdem sitze ich halt auch gerne mal in der Sonne. Es gehört so viel dazu sich in einem fremden Land einzugewöhnen, aber noch so viel mehr gehört dazu, sich auch darin wohlzufühlen. Alleine schon das hat mir der Urlaub mit meiner Mutter gezeigt. Egal, wie viele Monaten ich noch in Togo verbringen werde und das Gefühl habe, dazuzugehören. Kaum schnalle ich meinen Rucksack auf, bin ich wieder ein normaler Tourist in einem Entwicklungsland und schüttele über so vieles den Kopf. Aber genauso wie ich viele Verhaltensweisen seltsam finde, werde ich doch auch so oft mit meinen Eigenheiten belächelt.
Ihr seht – ein Urlaub, viele Folgen. Interkultureller Austausch at it's best! So wanderten wir durch den Norden Togos, den Kopf voll, das Herz frohgelaunt und doch nahte der Abschied sehr schnell. Wir hatten es noch bis Sokodé geschafft (ca. Mitte Togos) als wir uns 7h in den Bus setzten, um ins 350 Kilometer entfernte Lomé zu kommen. Dort haben wir die letzten Tage noch gemütlich verbracht und uns mit Karten spielen auf den Abschied vorbereitet. Tränenreiches Aufwiedersehen am Flughafen, schließlich bin ich ja noch sechs Monate hier, und meine Außer-Afrikanische verschwand wieder aus meiner togoischen Realität. Nun sitze ich wieder hier. Aber nicht in der Sonne, sondern bei meiner togoischen Familie im Schatten und genieße mein Leben als Beobachter, Entdecker und Mitmensch in Afrika. Auf die nächsten sechs Monate!
Mit schattigen Grüßen aus dem winterlich heißen Togo,
Sabrina

Freitag, 14. Januar 2011

Dezember – Feste feiern in Togo

Ich hoffe, Ihr habt alle wunderbare und gemütliche Weihnachten verbracht und seid nun fleißig ins neue Jahr gestartet!? Natürlich wünsche ich Euch auch ein glückliches und erfolgreiches 2011! Ich danke allen, deren Karten, Briefe und Geschenke mich erreicht haben und natürlich auch allen die einfach mal an mich hier im entfernten Afrika gedacht haben.
Lange Zeit habe ich nichts von mir hören lassen. Ich weiß und einer meiner Vorsätze für dieses Jahr besteht auch darin, nicht mehr zu schludern und meine Berichte wieder schneller zu tippen. Dennoch habe ich gute Ausreden für meine Verspätung!
Während Ihr Euch in Deutschland wahrscheinlich bibbernd, und die eisigen Hände nur an einem schönen Glas Glühwein wärmend, durch die vollgestopften Weihnachtsmärkte gedrängt habt, waren wir Nyogbonesen stets damit beschäftigt von einer zur anderen Party zu rennen. Immer im Hinterkopf, dass es doch Weihnachten sein sollte und die Umwelt einfach nicht ins europäische Winterbild passen wollte. Das „togo-winter-wonderland“ bestand aus der üblichen 35Grad Hitze, kurzen Shorts, schrecklicher Musik und noch übleren Schmückungsaktionen in Form von grell bunten Plastikgirlanden und Horrorweihnachtsmännern im Retrostil.
Aber wie gesagt - wir waren ja viel auf Achse. Doch wenn ich von „Party“ sprechen, meine ich natürlich kirchliche Großveranstaltungen, die meiner Meinung nach nur noch in Afrika stattfinden können (und vielleicht bei irgendwelchen amerikanischen TV-Priestern). Die deutschen Kirchenvertreter würden wahrscheinlich Tränen vergießen vor Freude, wenn sie in NRW einmal so überfüllte Kirchen und überaus motivierte Schäfchen vor sich sitzen, stehen und tanzen sehen würden. Hier ist es an der Tagesordnung, dass das ganze Dorf und die dazugehörige Verwandtschaft aus allen umliegenden Dörfern selbstverständlich zu einem Großereignis wie der Hundertjahrfeier einer Evangelischen Kirche kommt. So wurde also auch ich herzlich eingeladen. Nach meiner gerade überstandenen Malariaerkrankung, die noch von einer Amöbeninfektion und einer damit einhergehenden kurzen depressiven Untergangsstimmung gekrönt war, kam mir diese Einladung natürlich als Ablenkung sehr gelegen. Noch etwas schwach auf den Beinen wurde ich in einen sehr schicken lila Stoff gehüllt, der nur aufgrund dieser Feier überhaupt kreiert worden war. Sträuben aufgrund der Farbenwahl hatte also keinen Sinn, mir wurde versichert, dass wirklich jeder in Lila gekleidet sein würde. Die Party sollte am Sonntag stattfinden, daher wurden die Taschen bereits am Freitag gepackt und ich durfte eine aufregende Fahrt auf einem Moto verbringen. Es war gelinde gesagt voll gepackt: der Fahrer, meine kleine Gastschwester, ich, zwei riesige Taschen an Essen (es hätte ja sein können, dass es absolut nichts in dem Nachbardorf geben könnte...), einer Monster-Handtasche meiner Gastmutter und einem bereits fertig gemachten Salat in einer Tupperdose. Ihr seht was ein Moto an Staumöglichkeiten so bieten kann. Untergebracht war ich in dem Bergdorf bei einem Onkel von Innocente, meiner Gastmutter.
Kurze Infos zu den sehr verzwickten Familienverhältnissen in Togo. Ein exemplarisches Beispiel bietet dafür meine Gastmutter und ihre Geschwister. Sie hat de facto sieben Geschwister, aber nur vier davon haben die gleiche Mutter und den gleichen Vater, zwei die gleiche Mutter, einen anderen Vater und einer hat denselben Vater und eine andere Mutter. Die Verschiedenheit der Elternteile scheint immer sehr wichtig zu sein und wird deutlich betont. Allerdings kann dann in einem Dorf wie Nyogbo auch so ziemlich jeder mit jedem verwandt sein. Zudem sind die Bezeichnungen Onkel und Tante eher offen gehalten und spiegeln nicht unbedingt das wirkliche Verwandtschaftsverhältnis wider. Jeder männliche in irgendeiner Weise, um sieben Ecken Verwandte wird Onkel genannt. Bei den Frauen ähnlich, nur natürlich mit der Bezeichnung Tante. Wenn man aber nachfragt, von wem denn jetzt wer der Bruder ist, kommt entweder eine Litanei (Bruder von meiner Mutter, aber andere Mutter, selber Vater...) oder auch manchmal nur ein Schulterzucken. Irgendwie ist man halt verwandt, jetzt frag doch nicht so was.
Wo war ich?
Ach ja, untergebracht also bei Onkel Ernest. Er ist Deutscher und wohnt seit knapp fünfzig Jahren in Frankfurt. Mit ihm konnte ich mich dementsprechend sehr interessant austauschen. Nach dem ersten Abend mit togolesischem Theater (es gab Hiob und irgendeine Geschichte. Wahrscheinlich gibt es nur eine einzige Geschichte Hiobs, aber ich bin nicht bibelfest und es war auf Ewe, daher war mein Kenntnisgewinn der zweieinhalb Stunden eher mäßig) und einem sehr dunklen, steinigem Rückweg (es gibt keinen Strom im Bergdorf), stellte Ernest am nächsten Morgen etwas trocken fest: „Also, ich weiß nicht, wie du das zehn Monate hier aushältst. Ich würde das nicht mehr schaffen!“ Ich war dennoch guter Dinge und wollte schon nach deutscher Manier zum Frühstück eilen. Doch mein um Ecken-Gastonkel wollte vorher noch kurz einigen Nachbarn Hallo sagen. Was soll ich sagen, nach zwei geschlagenen Stunden durfte ich dann endlich etwas Nahrung und Flüssigkeit zu mir nehmen. Aber ich bin um einiges an Erfahrungen um das togolesische Begrüßungsritual reicher. Folgende Fragen sind unfehlbare Bestandteile einer togolesischen Begrüßung:
Wie geht’s? Deine Gesundheit? Wie geht’s der Familie? Die Gesundheit deiner Familie? Gibt es was Neues? Wie geht es dem und dem im Speziellen? Wer ist denn die Weiße, die da so neben dir steht? Was macht die hier? Kann die Ewe sprechen? Wieso bist du eigentlich hier? (Auf mein Nachhaken nach dem Sinn dieser letzten Frage - ist doch klar, der ist wegen der Party da – Nein, eventuell hat sich etwas ereignet, weshalb er hier hergekommen ist und wir wissen es noch nicht. Na gut, kann man einsehen.)
Wenn man sich diese Fragen nun verdoppelt (zwecks Dialog) und mit circa 40 Gesprächspartnern multipliziert, kann man sich denken, dass es wirklich anstrengend sein kann, andauernd daneben zu stehen und doch nichts wirklich zu verstehen. Interessant war es dennoch, nur eben etwas langwierig. Nach dem Frühstück sind wir immer weiter im Dorf um hergelaufen, um auch wirklich alle Leute zu begrüßen (Wie viele Einwohner hat dieses Dorf?) und die Partylocation, sprich eine schöne kleine Dorfkirche, zu begutachten. Nach einer ersehnten Mittagsruhe und einem wunderbaren Kaffee, ging es dann zum „Vorglühen“: dem traditionellen spirituellen Konzert am Vorabend der eigentlichen Veranstaltung. Es gab einen kleinen Gottesdienst im Freien und zwölf Chöre, die sich präsentiert haben. Ich saß leider in der ersten Reihe, was mir einiges Unbehagen bereitete, denn a) konnte ich nicht unbesehen weg und eine Pause machen und b) wenn man mal aufstehen musste, konnten die armen Menschen hinter mir wirklich nur noch Schatten sehen. Aber da ist meine Mutter rigoros und kennt nichts, sie wollte vorne sitzen, also musste ich auch dorthin. Die Veranstaltung war recht witzig und interessant, aber hat schon wieder vier Stunden gedauert. Und glaubt mir, als Europäer können vier Stunden mehr oder minder ruhiges Stillsitzen bei einer Sprache, zu der man einfach keinerlei Bezug hat, irgendwann zu einem akuten Bewegungsdrang führen. Wir hielten jedoch tapfer durch und danach war noch ein bisschen tanzen angesagt. Schließlich jedoch früh ins Bett, denn am nächsten Tag musste es auch früh losgehen.
Sonntags um fünf Uhr hallten die ersten Tanzbeats durchs Dorf und da es bis 5. 30 Uhr nicht besser wurde, sind wir also aufgestanden und haben uns endlich in den ominösen lila Fummel geschmissen. Und tatsächlich, ein jeder hatte Lila an. Das war wirklich ein ziemlich genialer Anblick, als gegen 8 Uhr morgens ein ganzes Dorf und deren vielen Verwandten, alle in den selben Stoff gehüllt, freudestrahlend vor die Kirche strömte. Es waren bestimmt dreihundert Leute da, nicht mitgezählt die vielen, die keinen Platz mehr gefunden hatten und sich irgendwo in der Nähe aufhielten. Vom Gottesdienst kann ich leider nicht so viel erzählen. Nach zweieinhalb Stunden haben Julia und ich beschlossen eine halbstündige Pause einzulegen. Schließlich mussten wir uns auch nochmal Wasser Nachschub holen. Danach harrten wir noch einmal anderthalb Stunden aus. Ich muss gestehen, dass mir dann doch fast der Kragen platzte. Ich konnte es vor Langeweile einfach nicht mehr ertragen. Es war unendlich warm, der Hintern tut weh, das Gerede kann man nicht verstehen, es war eng und ich wollte einfach nicht mehr da herum sitzen. Ich kann nichts dafür, meine Geduld geht nach so einem Wochenende auch mal zu Ende und ich war so fertig vor Langeweile, dass ich wirklich angefangen habe zu zittern und völlig erschöpft war.
Ihr seht, es ist nicht immer leicht, eine brave Gasttochter zu sein. Deshalb habe ich an diesem Tag oben auf dem Berg beschlossen, es ab sofort auch bleiben zu lassen. Ich kann erst einmal nicht mehr in die Kirche gehen. Das hat nichts mit mangelndem Integrationswillen in die togolesische Gesellschaft zu tun, sondern vielmehr mit Selbstschutz. Noch so eine unendliche Sitzung und ich würde vor Langweile kaputt gehen.
Okay, ich erzähle Euch jetzt nicht jedes meiner Feste so ausführlich. So oder in ähnlicher Weise ging es die zweite Hälfte des Dezembers. Immer wieder Gottesdienste, Feste und ziemlich viele Male musste ich den Sodabi ausschlagen. Ein togolesisches Höllengesöff, dem ich nach vier Gläsern abgeschworen habe und alleine bei dem Geruch sich mir die Gedärme zusammenziehen vor Ekel. Leider wird er hier sehr fleißig und zu sich jeder bietenden Gelegenheit getrunken, dennoch, da bleibe ich hart, ich kann es einfach nicht mehr trinken.
Noch kurz zu Weihnachten.
Den Heiligabend habe ich mit anderen Freiwilligen verbracht, da in Togo traditionell der 25. Dezember gefeiert wird. Es gab Salat und selbstgebackenes Brot, also ein wirkliches Fest. Zudem auch ein paar importierte Weihnachtskekse, mein persönliches Weihnachtsgeschenk. Wobei ich beim Schrottwichteln auch ein sagenhaftes Barbie-Telefon ergattert habe...
Am darauffolgenden Tag bin ich einfach geschickt im Bett liegen geblieben (okay, sehr erwachsen, aber ich wollte keine Diskussion) und bin erst aufgestanden als Inno schon zur Kirche gegangen war und habe dann bis mittags einen sehr gemütlichen, ersten Feiertag in der Sonne und mit Harry Potter auf Französisch verbracht. Ich beschäftige mich gerade sowieso sehr eingehend mit Harry, wahrscheinlich weil ich hoffe, dass „Poudlard“, das französische Hogwarts, ein bisschen mehr meiner Schule hier ähneln würde. Mittags war ich noch bei Julias Familie eingeladen und als ich dann abends aus Kpalimé zurückkam, gab es ein gemeinsames Essen hier auf dem Hof mit meiner Patchworkfamilie. Danach haben wir noch gefeiert und bei lauter Musik auf der Straße getanzt. Todmüde musste ich am nächsten Tag früh aus den Federn, da wir Freiwilligen aus Nyogbo in einem echt urafrikanischen Dorf eingeladen waren. Dort haben wir wieder lecker Fufu gegessen und uns wurde fleißig von der Dorfjugend vorgetanzt und geschauspielert. Alles in einem eine sehr schöne Veranstaltung!
Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich den Dezember und speziell Weihnachten hier genossen habe. Allerdings bevorzuge ich einfach unsere eigenen Traditionen und die deutsche gemütliche Art das Weihnachtsfest zu begehen. Und natürlich fehlten mir Familie und Freunde, aber dass kann man sich von vornherein denken.
Zur Schule kann ich im Dezember nicht allzu viel zu sagen, ich war die ersten zwei Woche aufgrund von Malaria ja völlig außer Kraft gesetzt. Ich arbeite immer noch jeden Dienstag in Eigenarbeit in meinem Englischkurs und habe das nun auf zwei Stunden gesetzt, da ich dann endlich etwas mehr schaffen kann. Mein Lektüretext ist jetzt einem schweizerischen Englischlernbuch für die Unterstufe entnommen. Damit kommen wir ganz gut klar. Aber auch da erschrecken mich manchmal die Unkenntnis einiger Schüler im Bezug auf Vokabeln einerseits, andererseits überraschen sie mich dann auch manchmal mit grammatischem Wissen, das ich ihnen nicht zugetraut hätte. Ansonsten bin ich fleißig im Deutschunterricht beschäftigt, habe bereits einige Textaufgaben gestellt und mit nach Hause genommen zur Korrektur. Auf diese Aufgaben bekommen die Schüler dann entweder plus 2 Punkte oder moins 2 Punkte auf ihre nächste Klausur. Da die maximale Punktzahl in den Klausuren immer 20 Punkte ist und man erst mit 10 Punkten bestanden hat, können die zwei Punkte, die man eventuell in den Hausaufgaben sammelt oder verliert, recht wichtig werden. In der Seconde machen wir gerade Uhrzeiten und die Basics des deutschen Schulsystems, während wir in der Premier zur Zeit bei einem Besuch in Deutschland sind. Was will ich am liebsten in Deutschland sehen? Wie werden die Feiertage verbracht? Was bekommt man eigentlich zu einem richtigen Frühstück? Was ist eigentlich der Kölner Karneval? Manchmal bringen mich die Antworten, die das Deutschbuch so pauschal parat hat, auch zum Nachdenken und ich denke mir still, bei wie vielen Deutschen es wohl so eine geregelte Lebensweise gibt, wie es das Buch darstellt. Aber nichtsdestotrotz entwickelt sich da manchmal doch ein kleiner Austausch zwischen mir und den Schülern und das ist doch schon mal was. Zudem würde ich behaupten, dass mich meine Schüler langsam aber sicher anerkennen und sich auch nicht scheuen, wie bei den anderen Lehrkräften, mich von der Seite an zu quatschen, wenn sie Probleme mit dem Stoff haben. Ich sitze auch zweimal die Woche nachmittags in der Bibliothek, um ansprechbar zu sein, wenn noch Fragen offen sind, die man nicht zwischen Tür und Angel in der Schule beantworten kann.
Im eigentlichen Englischunterricht komme ich hingegen nicht richtig zum Zug. Außer wenn ich ihn gerade selber mache, da mein Lehrer zu spät oder gar nicht kommt. Doch oft sitze ich auch nur mehr oder minder dumm herum, da der Frontalunterricht meines Englischlehrers keinerlei Eingreifen, auch nicht im Entferntesten, zulässt. Denn „Teacher“ (selbes Wort in Ewe) steht die ganze Stunde vorne, liest selber die Texte vor, erklärt sich daraufhin dann selber alle vermeintlich schwierigen Worte und lässt dann aber immer wieder den gleichen Abschnitt von allen Schülern nacheinander vorlesen. In diesen verzweifelten Momenten, in denen schon zum vierzigsten Mal die gleichen drei Sätze vorgelesen werden, setze ich mich in die letzte Reihe, nehme meinen Harry aus der Tasche und wünschte mir, dass ich mir einen Zaubertrank brauen könnte, der diese Stunde schneller vorbeigehen lassen könnte.
Am letzten Schultag gab es dann noch ein Fussballmatch der Premier gegen die Quatrième, in der natürlich meine Oberstufe gewonnen hat. Ich musste aber auch feststellen, dass ich viele meiner Schüler noch niemals so motiviert gesehen habe. Aber das ist wahrscheinlich überall auf der Welt dasselbe...

Mit den besten sonnigen Grüßen aus Togo,
Sabrina

PS: Vielen Dank auch für die Wörterbücher und gebrauchten Handy, die schon bei mir eingegangen sind. Dennoch freue ich mich noch immer über jedes weitere Französisch-Deutsch-Wörterbuch, was ihr finden könnt!