Freitag, 14. Januar 2011

Dezember – Feste feiern in Togo

Ich hoffe, Ihr habt alle wunderbare und gemütliche Weihnachten verbracht und seid nun fleißig ins neue Jahr gestartet!? Natürlich wünsche ich Euch auch ein glückliches und erfolgreiches 2011! Ich danke allen, deren Karten, Briefe und Geschenke mich erreicht haben und natürlich auch allen die einfach mal an mich hier im entfernten Afrika gedacht haben.
Lange Zeit habe ich nichts von mir hören lassen. Ich weiß und einer meiner Vorsätze für dieses Jahr besteht auch darin, nicht mehr zu schludern und meine Berichte wieder schneller zu tippen. Dennoch habe ich gute Ausreden für meine Verspätung!
Während Ihr Euch in Deutschland wahrscheinlich bibbernd, und die eisigen Hände nur an einem schönen Glas Glühwein wärmend, durch die vollgestopften Weihnachtsmärkte gedrängt habt, waren wir Nyogbonesen stets damit beschäftigt von einer zur anderen Party zu rennen. Immer im Hinterkopf, dass es doch Weihnachten sein sollte und die Umwelt einfach nicht ins europäische Winterbild passen wollte. Das „togo-winter-wonderland“ bestand aus der üblichen 35Grad Hitze, kurzen Shorts, schrecklicher Musik und noch übleren Schmückungsaktionen in Form von grell bunten Plastikgirlanden und Horrorweihnachtsmännern im Retrostil.
Aber wie gesagt - wir waren ja viel auf Achse. Doch wenn ich von „Party“ sprechen, meine ich natürlich kirchliche Großveranstaltungen, die meiner Meinung nach nur noch in Afrika stattfinden können (und vielleicht bei irgendwelchen amerikanischen TV-Priestern). Die deutschen Kirchenvertreter würden wahrscheinlich Tränen vergießen vor Freude, wenn sie in NRW einmal so überfüllte Kirchen und überaus motivierte Schäfchen vor sich sitzen, stehen und tanzen sehen würden. Hier ist es an der Tagesordnung, dass das ganze Dorf und die dazugehörige Verwandtschaft aus allen umliegenden Dörfern selbstverständlich zu einem Großereignis wie der Hundertjahrfeier einer Evangelischen Kirche kommt. So wurde also auch ich herzlich eingeladen. Nach meiner gerade überstandenen Malariaerkrankung, die noch von einer Amöbeninfektion und einer damit einhergehenden kurzen depressiven Untergangsstimmung gekrönt war, kam mir diese Einladung natürlich als Ablenkung sehr gelegen. Noch etwas schwach auf den Beinen wurde ich in einen sehr schicken lila Stoff gehüllt, der nur aufgrund dieser Feier überhaupt kreiert worden war. Sträuben aufgrund der Farbenwahl hatte also keinen Sinn, mir wurde versichert, dass wirklich jeder in Lila gekleidet sein würde. Die Party sollte am Sonntag stattfinden, daher wurden die Taschen bereits am Freitag gepackt und ich durfte eine aufregende Fahrt auf einem Moto verbringen. Es war gelinde gesagt voll gepackt: der Fahrer, meine kleine Gastschwester, ich, zwei riesige Taschen an Essen (es hätte ja sein können, dass es absolut nichts in dem Nachbardorf geben könnte...), einer Monster-Handtasche meiner Gastmutter und einem bereits fertig gemachten Salat in einer Tupperdose. Ihr seht was ein Moto an Staumöglichkeiten so bieten kann. Untergebracht war ich in dem Bergdorf bei einem Onkel von Innocente, meiner Gastmutter.
Kurze Infos zu den sehr verzwickten Familienverhältnissen in Togo. Ein exemplarisches Beispiel bietet dafür meine Gastmutter und ihre Geschwister. Sie hat de facto sieben Geschwister, aber nur vier davon haben die gleiche Mutter und den gleichen Vater, zwei die gleiche Mutter, einen anderen Vater und einer hat denselben Vater und eine andere Mutter. Die Verschiedenheit der Elternteile scheint immer sehr wichtig zu sein und wird deutlich betont. Allerdings kann dann in einem Dorf wie Nyogbo auch so ziemlich jeder mit jedem verwandt sein. Zudem sind die Bezeichnungen Onkel und Tante eher offen gehalten und spiegeln nicht unbedingt das wirkliche Verwandtschaftsverhältnis wider. Jeder männliche in irgendeiner Weise, um sieben Ecken Verwandte wird Onkel genannt. Bei den Frauen ähnlich, nur natürlich mit der Bezeichnung Tante. Wenn man aber nachfragt, von wem denn jetzt wer der Bruder ist, kommt entweder eine Litanei (Bruder von meiner Mutter, aber andere Mutter, selber Vater...) oder auch manchmal nur ein Schulterzucken. Irgendwie ist man halt verwandt, jetzt frag doch nicht so was.
Wo war ich?
Ach ja, untergebracht also bei Onkel Ernest. Er ist Deutscher und wohnt seit knapp fünfzig Jahren in Frankfurt. Mit ihm konnte ich mich dementsprechend sehr interessant austauschen. Nach dem ersten Abend mit togolesischem Theater (es gab Hiob und irgendeine Geschichte. Wahrscheinlich gibt es nur eine einzige Geschichte Hiobs, aber ich bin nicht bibelfest und es war auf Ewe, daher war mein Kenntnisgewinn der zweieinhalb Stunden eher mäßig) und einem sehr dunklen, steinigem Rückweg (es gibt keinen Strom im Bergdorf), stellte Ernest am nächsten Morgen etwas trocken fest: „Also, ich weiß nicht, wie du das zehn Monate hier aushältst. Ich würde das nicht mehr schaffen!“ Ich war dennoch guter Dinge und wollte schon nach deutscher Manier zum Frühstück eilen. Doch mein um Ecken-Gastonkel wollte vorher noch kurz einigen Nachbarn Hallo sagen. Was soll ich sagen, nach zwei geschlagenen Stunden durfte ich dann endlich etwas Nahrung und Flüssigkeit zu mir nehmen. Aber ich bin um einiges an Erfahrungen um das togolesische Begrüßungsritual reicher. Folgende Fragen sind unfehlbare Bestandteile einer togolesischen Begrüßung:
Wie geht’s? Deine Gesundheit? Wie geht’s der Familie? Die Gesundheit deiner Familie? Gibt es was Neues? Wie geht es dem und dem im Speziellen? Wer ist denn die Weiße, die da so neben dir steht? Was macht die hier? Kann die Ewe sprechen? Wieso bist du eigentlich hier? (Auf mein Nachhaken nach dem Sinn dieser letzten Frage - ist doch klar, der ist wegen der Party da – Nein, eventuell hat sich etwas ereignet, weshalb er hier hergekommen ist und wir wissen es noch nicht. Na gut, kann man einsehen.)
Wenn man sich diese Fragen nun verdoppelt (zwecks Dialog) und mit circa 40 Gesprächspartnern multipliziert, kann man sich denken, dass es wirklich anstrengend sein kann, andauernd daneben zu stehen und doch nichts wirklich zu verstehen. Interessant war es dennoch, nur eben etwas langwierig. Nach dem Frühstück sind wir immer weiter im Dorf um hergelaufen, um auch wirklich alle Leute zu begrüßen (Wie viele Einwohner hat dieses Dorf?) und die Partylocation, sprich eine schöne kleine Dorfkirche, zu begutachten. Nach einer ersehnten Mittagsruhe und einem wunderbaren Kaffee, ging es dann zum „Vorglühen“: dem traditionellen spirituellen Konzert am Vorabend der eigentlichen Veranstaltung. Es gab einen kleinen Gottesdienst im Freien und zwölf Chöre, die sich präsentiert haben. Ich saß leider in der ersten Reihe, was mir einiges Unbehagen bereitete, denn a) konnte ich nicht unbesehen weg und eine Pause machen und b) wenn man mal aufstehen musste, konnten die armen Menschen hinter mir wirklich nur noch Schatten sehen. Aber da ist meine Mutter rigoros und kennt nichts, sie wollte vorne sitzen, also musste ich auch dorthin. Die Veranstaltung war recht witzig und interessant, aber hat schon wieder vier Stunden gedauert. Und glaubt mir, als Europäer können vier Stunden mehr oder minder ruhiges Stillsitzen bei einer Sprache, zu der man einfach keinerlei Bezug hat, irgendwann zu einem akuten Bewegungsdrang führen. Wir hielten jedoch tapfer durch und danach war noch ein bisschen tanzen angesagt. Schließlich jedoch früh ins Bett, denn am nächsten Tag musste es auch früh losgehen.
Sonntags um fünf Uhr hallten die ersten Tanzbeats durchs Dorf und da es bis 5. 30 Uhr nicht besser wurde, sind wir also aufgestanden und haben uns endlich in den ominösen lila Fummel geschmissen. Und tatsächlich, ein jeder hatte Lila an. Das war wirklich ein ziemlich genialer Anblick, als gegen 8 Uhr morgens ein ganzes Dorf und deren vielen Verwandten, alle in den selben Stoff gehüllt, freudestrahlend vor die Kirche strömte. Es waren bestimmt dreihundert Leute da, nicht mitgezählt die vielen, die keinen Platz mehr gefunden hatten und sich irgendwo in der Nähe aufhielten. Vom Gottesdienst kann ich leider nicht so viel erzählen. Nach zweieinhalb Stunden haben Julia und ich beschlossen eine halbstündige Pause einzulegen. Schließlich mussten wir uns auch nochmal Wasser Nachschub holen. Danach harrten wir noch einmal anderthalb Stunden aus. Ich muss gestehen, dass mir dann doch fast der Kragen platzte. Ich konnte es vor Langeweile einfach nicht mehr ertragen. Es war unendlich warm, der Hintern tut weh, das Gerede kann man nicht verstehen, es war eng und ich wollte einfach nicht mehr da herum sitzen. Ich kann nichts dafür, meine Geduld geht nach so einem Wochenende auch mal zu Ende und ich war so fertig vor Langeweile, dass ich wirklich angefangen habe zu zittern und völlig erschöpft war.
Ihr seht, es ist nicht immer leicht, eine brave Gasttochter zu sein. Deshalb habe ich an diesem Tag oben auf dem Berg beschlossen, es ab sofort auch bleiben zu lassen. Ich kann erst einmal nicht mehr in die Kirche gehen. Das hat nichts mit mangelndem Integrationswillen in die togolesische Gesellschaft zu tun, sondern vielmehr mit Selbstschutz. Noch so eine unendliche Sitzung und ich würde vor Langweile kaputt gehen.
Okay, ich erzähle Euch jetzt nicht jedes meiner Feste so ausführlich. So oder in ähnlicher Weise ging es die zweite Hälfte des Dezembers. Immer wieder Gottesdienste, Feste und ziemlich viele Male musste ich den Sodabi ausschlagen. Ein togolesisches Höllengesöff, dem ich nach vier Gläsern abgeschworen habe und alleine bei dem Geruch sich mir die Gedärme zusammenziehen vor Ekel. Leider wird er hier sehr fleißig und zu sich jeder bietenden Gelegenheit getrunken, dennoch, da bleibe ich hart, ich kann es einfach nicht mehr trinken.
Noch kurz zu Weihnachten.
Den Heiligabend habe ich mit anderen Freiwilligen verbracht, da in Togo traditionell der 25. Dezember gefeiert wird. Es gab Salat und selbstgebackenes Brot, also ein wirkliches Fest. Zudem auch ein paar importierte Weihnachtskekse, mein persönliches Weihnachtsgeschenk. Wobei ich beim Schrottwichteln auch ein sagenhaftes Barbie-Telefon ergattert habe...
Am darauffolgenden Tag bin ich einfach geschickt im Bett liegen geblieben (okay, sehr erwachsen, aber ich wollte keine Diskussion) und bin erst aufgestanden als Inno schon zur Kirche gegangen war und habe dann bis mittags einen sehr gemütlichen, ersten Feiertag in der Sonne und mit Harry Potter auf Französisch verbracht. Ich beschäftige mich gerade sowieso sehr eingehend mit Harry, wahrscheinlich weil ich hoffe, dass „Poudlard“, das französische Hogwarts, ein bisschen mehr meiner Schule hier ähneln würde. Mittags war ich noch bei Julias Familie eingeladen und als ich dann abends aus Kpalimé zurückkam, gab es ein gemeinsames Essen hier auf dem Hof mit meiner Patchworkfamilie. Danach haben wir noch gefeiert und bei lauter Musik auf der Straße getanzt. Todmüde musste ich am nächsten Tag früh aus den Federn, da wir Freiwilligen aus Nyogbo in einem echt urafrikanischen Dorf eingeladen waren. Dort haben wir wieder lecker Fufu gegessen und uns wurde fleißig von der Dorfjugend vorgetanzt und geschauspielert. Alles in einem eine sehr schöne Veranstaltung!
Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich den Dezember und speziell Weihnachten hier genossen habe. Allerdings bevorzuge ich einfach unsere eigenen Traditionen und die deutsche gemütliche Art das Weihnachtsfest zu begehen. Und natürlich fehlten mir Familie und Freunde, aber dass kann man sich von vornherein denken.
Zur Schule kann ich im Dezember nicht allzu viel zu sagen, ich war die ersten zwei Woche aufgrund von Malaria ja völlig außer Kraft gesetzt. Ich arbeite immer noch jeden Dienstag in Eigenarbeit in meinem Englischkurs und habe das nun auf zwei Stunden gesetzt, da ich dann endlich etwas mehr schaffen kann. Mein Lektüretext ist jetzt einem schweizerischen Englischlernbuch für die Unterstufe entnommen. Damit kommen wir ganz gut klar. Aber auch da erschrecken mich manchmal die Unkenntnis einiger Schüler im Bezug auf Vokabeln einerseits, andererseits überraschen sie mich dann auch manchmal mit grammatischem Wissen, das ich ihnen nicht zugetraut hätte. Ansonsten bin ich fleißig im Deutschunterricht beschäftigt, habe bereits einige Textaufgaben gestellt und mit nach Hause genommen zur Korrektur. Auf diese Aufgaben bekommen die Schüler dann entweder plus 2 Punkte oder moins 2 Punkte auf ihre nächste Klausur. Da die maximale Punktzahl in den Klausuren immer 20 Punkte ist und man erst mit 10 Punkten bestanden hat, können die zwei Punkte, die man eventuell in den Hausaufgaben sammelt oder verliert, recht wichtig werden. In der Seconde machen wir gerade Uhrzeiten und die Basics des deutschen Schulsystems, während wir in der Premier zur Zeit bei einem Besuch in Deutschland sind. Was will ich am liebsten in Deutschland sehen? Wie werden die Feiertage verbracht? Was bekommt man eigentlich zu einem richtigen Frühstück? Was ist eigentlich der Kölner Karneval? Manchmal bringen mich die Antworten, die das Deutschbuch so pauschal parat hat, auch zum Nachdenken und ich denke mir still, bei wie vielen Deutschen es wohl so eine geregelte Lebensweise gibt, wie es das Buch darstellt. Aber nichtsdestotrotz entwickelt sich da manchmal doch ein kleiner Austausch zwischen mir und den Schülern und das ist doch schon mal was. Zudem würde ich behaupten, dass mich meine Schüler langsam aber sicher anerkennen und sich auch nicht scheuen, wie bei den anderen Lehrkräften, mich von der Seite an zu quatschen, wenn sie Probleme mit dem Stoff haben. Ich sitze auch zweimal die Woche nachmittags in der Bibliothek, um ansprechbar zu sein, wenn noch Fragen offen sind, die man nicht zwischen Tür und Angel in der Schule beantworten kann.
Im eigentlichen Englischunterricht komme ich hingegen nicht richtig zum Zug. Außer wenn ich ihn gerade selber mache, da mein Lehrer zu spät oder gar nicht kommt. Doch oft sitze ich auch nur mehr oder minder dumm herum, da der Frontalunterricht meines Englischlehrers keinerlei Eingreifen, auch nicht im Entferntesten, zulässt. Denn „Teacher“ (selbes Wort in Ewe) steht die ganze Stunde vorne, liest selber die Texte vor, erklärt sich daraufhin dann selber alle vermeintlich schwierigen Worte und lässt dann aber immer wieder den gleichen Abschnitt von allen Schülern nacheinander vorlesen. In diesen verzweifelten Momenten, in denen schon zum vierzigsten Mal die gleichen drei Sätze vorgelesen werden, setze ich mich in die letzte Reihe, nehme meinen Harry aus der Tasche und wünschte mir, dass ich mir einen Zaubertrank brauen könnte, der diese Stunde schneller vorbeigehen lassen könnte.
Am letzten Schultag gab es dann noch ein Fussballmatch der Premier gegen die Quatrième, in der natürlich meine Oberstufe gewonnen hat. Ich musste aber auch feststellen, dass ich viele meiner Schüler noch niemals so motiviert gesehen habe. Aber das ist wahrscheinlich überall auf der Welt dasselbe...

Mit den besten sonnigen Grüßen aus Togo,
Sabrina

PS: Vielen Dank auch für die Wörterbücher und gebrauchten Handy, die schon bei mir eingegangen sind. Dennoch freue ich mich noch immer über jedes weitere Französisch-Deutsch-Wörterbuch, was ihr finden könnt!