Stell Dir vor:
Es ist Nacht und der Vollmond spendet das einzige Licht im Zimmer. Ihr sitzt vor einem winzig kleinen Bildschirm, eng aneinander gedrückt. Es ist eine wichtige Entscheidung zu treffen. Was schauen wir für einen Film? Horror? Heute Nacht? Bitte nicht. Okay, dann Wahl. Demokratie entscheidet, du bist raus. Also gut, dann eben Schweigen der Lämmer. Du ahnst bereits jetzt, dass du das bereuen wirst. Schließlich ist dies hier nicht dein Zimmer. Nein, du musst noch zehn Minuten durch menschenleere Straßen gehen bis du in deinem sicheren Zuhause angekommen bist. Du sitzt, schaust und beißt ein wenig ins nächstbeste Kissen, was dir in die Quere kommt. Angst läuft dir den Rücken runter und nur das importierte, gute deutsche Gummibärchen (und die Hoffnung auf weitere andere!) bewahren dich davor, einfach aus dem Raum zu gehen. Dann endlich, der Film ist zu Ende. Oder auch nicht, denn jetzt heißt es nach Hause. Ab durch den dunklen Garten, das einsame Dorf entlang spazieren. Dir wird bewusst, verdammt du bist irgendwo mitten in Afrika. Wer weiß, wer hier noch so Menschen isst?! Okay, jetzt nicht panisch werden. Es ist ein Uhr nachts, da schläft bestimmt auch der hartnäckigste togolesische Kannibale in seinem Bett und träumt von seiner letzten Mahlzeit. Also, los. Jedes Geräusch macht dich nervös, während du durch den Garten schleichst. Langsam gehst du auf das Tor zu. Lauschst. Gibt es was? Entferntes Murmeln ist zu hören. Behutsam öffnest du das quietschende Gartentor und lugst heraus. Kein Problem, haha, kein Mörder in Sicht, schnell jetzt, ab nach Hause. Kaum gehst du die letzte Stufe hoch, plötzlich eine Bewegung von links. Starr vor Schreck, arbeitet dein Gehirn doch relativ schnell und klar. Mist. Tragen da tatsächlich gerade fünf Männer seelenruhig einen verdammt tot aussehenden Körper auf einer Bahre an dir vorbei?! Wo bist du gelandet? Du schaust der Gruppe fassungslos hinterher und begreifst dann ganz, ganz langsam. Du bist in Togo. Und es ist das lange Wochenende der Beerdigungen. Welcome to Agou-Nyogbo!
Mein dritter Monat in Westafrika geht so langsam seinem Ende zu und ich sitze wieder einmal hier und versuche euch meine Eindrücke zusammenzufassen. Dabei fällt mir zuallerst auf, wie morbide dieser November eigentlich war.
Begonnen hat das Ganze damit, dass mir erst jetzt bewusst wurde, dass unser Lycée direkt gegenüber eines Friedhofes liegt. An sich nichts Besonderes. Sogar im Vergleich recht angenehm, wenn man bedenkt, dass in Kebotoe (Nachbardorf auf dem Berg) die Gräber in unmittelbarer Besuchernähe zur Stadtlatrine stehen. Dennoch scheint dieser Umstand ein bisschen auf das Motto der Schule Einfluss zu nehmen. Als ich letzte Woche Klausuraufsicht hatte, bin ich aus Interesse mal die Englischklausuren der letzten Jahre durchgegangen und kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Noch nie habe ich solche Aufgabe lesen müssen. Folgende Essaythemen haben mir Kopfzerbrechen bereitet:
Du bist mit deinem Bruder in einer anderen Stadt zum Studium. Dein Bruder wird krank und kommt ins Krankenhaus. Er stirbt. Schreib deinem Vater einen Brief und erkläre diesen Umstand.
Deine Frau wird todkrank, du stehst an ihrem Totenbett und sie bittet dich auf die Kinder zu achten. Beschreibe die Situation und deine Reaktion.
Deine Frau kann keine Kinder bekommen. Sie will dennoch nicht, dass du noch eine andere Ehefrau heiratest. Sie droht sich umzubringen. Wie reagierst du?
Na schön, dann lasst euch mal was Nettes einfallen. Also, wenn ich so Aufgaben in der Oberstufe hätte bearbeiten müssen, wäre ich doch auch zumindest ein bisschen depressiv geworden. Aber das ist die Realität togolesischer Klassenarbeiten. Aber auch der Unterricht an sich hält Überraschungen bereit- “My sister forced me to rape her!”, wird dann auch gerne als grammatikalisch richtig eingestuft. Da wundere ich mich doch schon sehr. Der Blick nach draußen garantiert auch wieder keine Erheiterung, eine Menschansammlung und ein getragener Sarg. Schreien, Zusammenbrüche, ein Jugendlicher wird beerdigt. Die Schüler laufen hin, um bessere Sicht zu haben. Ich gehe lieber mit ungutem Gefühl in die Pause. C’est la vie.
Leider bin ich aber nicht nur in der Schule von Gedanken an den Tod konfrontiert, sondern auch in meiner Gastfamilie. Einer meiner Gastonkel ist vor Wochen in der Dusche ausgerutscht, lag drei Wochen im Koma und ist nun leider gestorben. Bereits meine zweite togolesische Beerdigung. Schon eine Woche vorher werden Vorbereitungen getroffen. Die Kleidung und der Sarg müssen ausgesucht werden, die Kleidung für den engsten Familienkreis wird geschneidert. Es werden Messen gelesen. Am Freitag geht man abends in die Kirche und wohnt einem Gottesdienst bei. Samstags organisiert man das Umbetten der Toten aus dem Kühlraum im Krankenhaus zu den Familienhäusern (in eine solche Situation bin ich also geraten!), und dann geht die Party los. Es wird getrommelt, getanzt und gesungen, die ganze Nacht. Unsere Bar war bis fünf Uhr morgens geöffnet und auch gefüllt. Ich habe nicht daran teilgenommen, Inno hatte mich nicht gefragt und irgendwie wollte ich dann auch nicht stören. Ich durfte aber dann Sonntag mit auf die eigentliche Beerdigung. Es war im Garten der Tochter, alles war bunt geschmückt und es waren bestimmt 200 Leute da. Mein Onkel wurde dann im Nebenraum noch aufgebahrt, man konnte sich verabschieden. Ich habe Platz genommen, die Kapelle fing an zu spielen, der Chor sang, man begann den Sarg herauszutragen. Ich hatte leider schon beim letzten Mal die Befürchtung, aber diesmal ist es tatsächlich passiert: zu zweit einen dicken Holzsarg Treppen runterzutragen ist halt nicht die beste Idee. Kurz, der Sarg fiel. Voll auf den Boden. Halbgeöffnet. Was im Film vielleicht noch recht lustig aussehen mag, glaubt mir, es ist furchtbar. Alle sind aufgesprungen, viele haben geweint und geschrien. Schnell wurde alles wieder aufgesammelt und der Sarg noch mal in den Aufbewahrungsort gebracht, um alles in Ordnung zu bringen. Man, das kann ja heiter werden, dachte ich. Wurde es auch, aber im positiven Sinne. Nachdem der Sarg dann endgültig herausgebracht wurde, ohne weitere Komplikationen, wurden Lieder gesungen und Reden gehalten. Jeder Anwesende erhielt eine Trauerkarte auf der einige Fotos von dem Verstorbenen, die Lebensdaten und die Namen aller Trauernden geschrieben sind. Dann wird noch Geld gesammelt, um der Familie ein bisschen unter die Arme zu greifen mit all den Kosten für die Feierlichkeiten. Meine Aufgabe war es, das Gesammelte zu verwahren. Die Familie setzt sich danach in einen Stuhlkreis zusammen und die Gäste gehen an jedem vorbei und schütteln ihm oder ihr die Hand. Danach bringt man den Sarg gemeinsam zum Friedhof (gegenüber meiner Schule) und dann folgt noch ein Familienessen.
Trotz des omnipräsenten Themas Tod hier in Nyogbo muss ich sagen, dass ich mich doch sehr lebendig fühle!
Schultechnisch habe ich mehrere Premieren hinter mir: der erste eigene Englischunterricht und der erste eigenverantwortliche Englisch-Lesekurs. Natürlich wollte ich meinen Englischunterricht direkt sehr innovativ gestalten und bereitete einige Fragen für Partnerinterviews vor. Nur drei Fragen, schließlich sollte es nur eine kleine Übung sein. Die Antworten des Partners sollten dann der Klasse kurz vorgestellt werden. Irgendwie zweifelte ich schon ein bisschen am Schwierigkeitsgrad meiner Fragen, da man die Antworten nirgendwo ablesen konnte, sondern wirklich eine Idee und Meinung haben musste. Es wurde natürlich auch schwieriger als gedacht, aber immerhin schien es einigen zu gefallen. Einigen weniger, die sind einfach rausgegangen, während ich mich um den Rest kümmerte. Ich habe nur gedacht, besser sie stören nicht meinen Unterricht und quatschen irgendwo draußen rum. (Okay, pädagogisch erstmal nicht so wertvoll, aber hey, es war mein erster Unterricht mit 60 Leuten!) Ich konnte auch so lange gut mit den anderen Schülern arbeiten bis mein Direktor stinksauer mit den acht rausgelaufenen Schülern reinkam. Die ließ er dann erst auf dem Steinboden knien, holte sich seinen Stock und dann knallte es. Da hatte ich nichts zu melden und mein schön schlagfrei geplanter Unterricht wurde somit sprichwörtlich zerschlagen. Die Stunde habe ich dennnoch relativ gut mit einer Leseübung beschließen können. Danach war ich nassgeschwitzt, mehr oder minder zufrieden, aber doch schon wieder um Erfahrungen reicher.
Dienstags habe ich nun meinen Englisch-Lesekurs, an dem so um die zwanzig Schüler teilnehmen. Auch hier bin ich zu groß eingestiegen mit Nelson Mandelas “A long way to freedom”. Begeisterung war da, nur leider mangelte es doch an Verständnis. Aber das erste Kapitel haben wir nun nach der zweiten Stunde und nach mehrmaligem Lesen durchgeboxt, so dass auch die Verständnisfragen zufriedenstellend beantwortet wurden. Aber auch hier muss ich mir noch etwas weniger Demotivierendes überlegen. Man sieht, dass viele Ideen einfach noch nicht klappen, aber ich bin optimistisch, dass ich noch das passende Niveau finden werde.
Ansonsten naht das Weihnachtsfest, zumindest merke ich das an der Jingle Bells-Endlosschleife, die durch mein Fenster immer wieder zu mir hereinweht. Weihnachtsgefühle? Noch keine Spur.
Ich schließe meinen Bericht mit der Neuigkeit, dass ich heute nach Hause kam und Inno ihr Lieblingshuhn, wahrscheinlich wohlweislich in meiner Abwesenheit, geschlachtet hatte. Bisschen schade, ich fand es recht ulkig, weil es immer auf den Baum kletterte, um zu schlafen und sagte es laut heraus. Darauf Inno trocken: Sabrina, maintenant la poule dort profondement dans la sauce! (Jetzt schläft das Huhn tief und fest in der Sauce). Na dann, guten Hunger!
Viele fröhlich-morbide Grüße aus Togo,
Eure Sabrina
PS. Der Bericht kommt leider erst jetzt, da sich hinter meinem zweiten Kalendertürchen meine erste Malariainfektion versteckte! Mir geht es wieder gut. Aber davon bald mehr.