Samstag, 7. Mai 2011

Reisen in Absurdistan*

*A. ist kein geographische abgegrenzter Bereich im konventionellen Sinn. Überall dort, wo man sich häufig an den Kopf fasst und diesen instinktiv schütteln muss, ob durch Verwirrung und Verwunderung oder Schlaglochstraßenfahrten – überall dort befindet sich A. Mein persönliches A. umfasst in diesem Bericht Togo, Benin und Ghana, lässt sich aber beliebig auf viele Orte dieser Welt erweitern.

Ich bin wieder da!
Nach Wochen des Unterwegsseins, Wegseins oder auch einfach Beschäftigt-mit-anderen-Dingen-Seins, habe ich nun wieder Zeit euch einen kleinen Eindruck in meinen 8. (!) Monat in Westafrika zu geben. Die letzten Wochen waren angefüllt mit Erlebnissen, die für mich bisher zu den Besten meines Aufenthalts zählen. Nicht nur bin ich zweimal im Urlaub gewesen, sondern habe nun endlich das Gefühl, das ich endgültig angekommen bin und mich zufrieden und glücklich an mein Leben angepasst habe. Ich fühle mich entspannt, sicher und freue mich tierisch nach knapp 3 Wochen Urlaub wieder im wunderbaren, schäbigen, ärmlichen, liebenswerten und einfach heimischen Togo angekommen zu sein und mich wahrhaft zuhause zu fühlen. Ich denke, einen besseren Beweis fürs Einleben kann ich nicht bekommen.
Wir waren im letzten Monat umaufhörlich unterwegs und von meinen zwei großen Reisen zu Ostern werde ich euch ausführlich berichten. In Togo lassen sich die Osterferienwochen in die Vor-Osterferien, drei Wochen vor dem eigentlichen Osterdatum, und in die eigentlichen Osterferien aufteilen. Daher war ich Anfang und Ende April jeweils für eine Woche, plus freigeschaufelten drei Extra-Tagen, unterwegs. Nun werde ich euch einen Einblick verschaffen, was Reisen in einer der ärmsten Regionen der Welt bedeuten kann...

Reisen in Absurdistan I: Norden Togos und Benin
Ich gestehe - ich habe es wieder getan!
Der Besuch mit meiner Außerirdischen hat mich nicht davon abgehalten, noch einmal den kargen und trockenen Norden Togos zu besuchen und sein Anderssein zum fruchtbaren Regenwald im Süden unter die Lupe zu nehmen. Ein Ausflug in einen Nationalpark in Benin stand ebenfalls auf dem Programm. Es war wieder nicht leicht. Togo und Benin stellen als Reiseländer hohe Anforderungen an die Nerven, das Gelassensein und die körperlichen Konditionen. Wir haben uns einfach darauf eingelassen und eine wunderbare Reise verbracht.


Okay. Man hätte es sich ja denken können. Ich gebe es offen zu: Wenn das Reisefahrzeug zu Beginn der Reise bereits von vier Männern angeschoben werden muss, um in Fahrt zu kommen, darf man nicht allzu hohe Erwartungen an das Weiterkommen stellen. Doch, die Hoffnung stirbt zu Letzt. Aber auch bei sieben togoischen Freiwilligen, die sich seit sieben Monaten an ziemlich vieles gewöhnt haben, stellten zehn Stunden Busfahrt und eine zurückgelegte Strecke von 60 Kilometern irgendwann eine Nervenprobe der besonderen Art dar. Ich war sehr froh, dass wir direkt zu Beginn ein paar Sitze mehr gekauft hatten, sonst wäre es die direkte Tour in die Hölle gewesen.
Nur kurz zur Erläuterung:
In Togo gibt es Kleinbusse, die das gesamte Land miteinander verbinden und vor Jahrzehnten irgendwann mal aus Europa und Asien importiert wurden. Man sieht ihnen häufig ihr hohes Alter an: Zum Teil ist der gesamte Innenraum entkleidet, die Scheiben sind zumindest an mehreren Stellen gesprungen und die Sitze passen sich aerodynamisch an die Fahrweise an. Den Anspruch an Tacho, Benzinanzeige, Blinker, Sicherheitsgurte und weitere dieser Extra-Features haben sie nicht, aber dafür vermitteln zumindest auch kein unrealistisches Bild von Fahrkomfort und Sicherheit. Jedenfalls sind sie grob genommen, die einzige Möglichkeit das Land zu bereisen. In einem normalen Togo-Überlandbus befinden sich circa 15-23 Leute (falls das Dach groß genug für Passagiere ist). Man quetscht sich mit 4-5 Leuten in eine Reihe, Kinder wie immer nicht mitzählbar: die packt man irgendwo auf oder unter sich. Das Auto fährt, wenn es voll ist. Auf togoische Art und Weise natürlich und das kann dauern. Wir haben schon zwei Stunden im Bus gepfercht gesessen (raus darf bzw. könnte man auch nicht mehr) und darauf gehofft, dass irgendeiner noch in die gleiche Richtung fährt. Die Lösung für Yovos ist dann, einfach ein paar Zentimeter Sitzfläche extra zu kaufen, um früher loszukommen. Man bezahlt dann den Preis für den quasi-leeren oder auch nicht vorhandenen Platz. Dadurch gewinnt man ein paar Millimeter, die man vom Nachbarn entfernt vor sich hin schwitzen kann. Als ich mich nach Norden in den Bus quetschte und nach drei Sekunden Beklemmung und nach weiteren sechs Sekunden Platzangst bekommen habe, hatte ich schon ein bisschen Angst vor der Fahrt und überlegte mir schon einige Mantras. Dann musste ich leider realisieren, dass sich tatsächlich noch einer in die Reihe pressen sollte. Da war es die beste Entscheidung, in ingesamt zehn Plätze für sieben Leute zu investieren. Dies ermöglichte zumindest geringe Bewegungsfreiheit.
Zurück zur Hinfahrt. Oder auch Hinstand. Bewegt haben wir uns wie gesagt eben nicht. Aber wir haben die Zeit ausserhalb des Busses genutzt und uns die Gegend angeschaut und uns anonsten ganz gut unterhalten. Schließlich war es Urlaub! Wir haben aber irgendwann dennoch etwas genervt aufgegeben und sind in der nächsten Stadt für die Nacht untergekommen.
Am nächsten Tag haben wir wieder mit voller Motivation den 300 Kilometern, die uns noch von Kara getrennt haben, entgegen geblickt. Doch auch dieses Mal wurde uns nichts geschenkt. Wir saßen zwar bequemer, dennoch wieder 10 Stunden im Bus. Diesmal war das Problem die Schaltung, die immer wieder mit neuen T-Shirt-Fetzen geflickt wurde, damit man die einzelnen Gänge auswählen konnte. Dazu verschwand der Fahrer alle halbe Stunde unter dem Auto. Zudem betrug die Höchstgeschwindigkeit dieses Busses satte 35km/h. Immerhin, dachten wir uns, da kann man vorm Unfall notfalls selber rausspringen. Aber auch da sind wir tapfer durch und nachts konnten wir endlich unseren Urlaub mit einem leckeren europäischen Essen im Restaurant in der drittgrößten Stadt Togos ausklingen lassen. Nach einem Tag Ruhepause und Marktshoppen, ging es zu dritt weiter in den Nationalpark. Eigentlich wurde uns gesagt, dass Benin dieselben Bedingungen bieten würde wie Togo, deshalb waren wir nicht darauf vorbereitet, was uns hinter der Grenze erwartet hat: Nahezu perfekte Straßen! Keine Schlag- oder Wasserlöcher, keine Sandpiste. Einfach gerade und kilometerweitert perfekt flach. Wir waren begeistert. Die Autos besserten sich leider nicht, aber du kannst eben nicht alles haben. Wir sind wieder durch sehr schöne Landschaften gefahren und je höher wir in den Norden kamen, desto rauher, kahler und heißer wurde es. Während es im März im südlichen Togo bereits 39° in der Sonne und Mittagshitze haben konnte, hatten wir im Norden von Benin und damit an der Grenze zur Sahelzone bestimmt satte 10° mehr. Besonders gemerkt haben wir das, als wir die letzte Stunde vor dem Nationalpark mit Motos zurücklegen mussten. Es war teilweise so heiß, dass meine Augen ohne Unterlass getränt haben und es sich wie bei einem Aufguß in der Sauna anfühlte. Nur ohne Möglichkeit mal kurz ne Ruhepause einlegen zu können. So sind wir weiter – der Wanderrucksack vorne übers Moto gelegt, pesten wir über Schlängelpisten am Berg entlang gen Safari. Am Ende durch dauerhafte Heissluft-Beföhnung lecker knusprig gebraten und verdreckt bis unter den Haaransatz, aber sehr gut gelaunt. Gut gelaunt bis zu dem Zeitpunkt, dass wir feststellen mussten, dass das Hotel quasi Monopolstellung in der Gegend hatte und dadurch satte Preise abverlangte. Aber da wir bereits so lange in Afrika waren, super organisiert sind und alles durchgeplant hatten, besaßen wir leider weder Wasser, noch Proviant. Aber dafür hatten wir immerhin auch nicht genug Geld mit! Also, tranken wir mehr teures Edelwasser als das wir gegessen haben und sparten so für die umgerechnet 150 Euro teure Safari. Ich denke, um zu dritt einen Jeep plus Fahrer zu mieten und einen Tag im Nationalpark zu verbringen, ein mehr als angemessener und unglaublich günstiger Preis. Und es hat sich gelohnt, aber richtig! Elefanten, Löwen, viele, viele Affen, Büffel, Krokodile, Vögel und sogar die Kehrseite von Hippos, die sich im Wasserloch gütlich taten. Es war toll. Gerade auch deshalb, da wir sonst in Togo nicht mit einer solchen Tierwelt beschenkt sind. Natürlich war es nicht so wie in Kenia. Aber dafür gab es auch keinen Massenauflauf und es ging ein bisschen unkonventioneller von Statten. Wollt ihr aufm Dach fahren? Klar, wollten wir! So saßen wir dort oben, wurden weiter von der Sonne gebacken und genoßen einen 360° Blick auf die Umgebung und beglückwunschten uns wieder einmal dazu, dass wir alles richtig gemacht hatten. Wir lebten an diesem Tag zwar nur von mitgebrachten Restchips, Schokokeksen und teilten uns die Reste eines winzigen Mittagessens vorm Vortag, aber wen interessierts, wenn man dafür so etwas geboten bekommt. Den schlimmsten Reisedreck wuschen wir uns danach in einem 35 Meter tiefen und wunderschönen Wasserfall ab und fuhren diesmal mit unserem Jeep wieder in die Stadt.
Am nächsten Tag war unser 48h Visa für Benin auch schon abgelaufen und wir mussten wieder nach Togo übersiedeln. An der Grenze haben wir die Zeit dazu genutzt, das einzige Weltkulturerbe Togos zu besuchen.
Koutammaku ist ein Nationalpark, indem die Hütten wie Lehmfestungen gebaut sind, zum Schutz vor der unglaublichen Hitze (uns wurde gesagt, es kann, wenn es ganz schlimm ist, fast an die 60° gehen!) und vor herannahenden Feinden. Gegen die Hitze gab es kleine winzige, dunkle Kammern, die die Kälte speichern sollten. Gegen die Feinde gab es Löcher in der Decke. Wenn sie sich im Wohnraum befinden, kannst du dich auf das Dach retten und durch diese versteckten Löcher mit Speeren nach ihnen werfen. Alles sehr interessant, aber wir mussten doch feststellen, dass wir wieder in Togo waren und alles ein bisschen anders läuft. Das Weltkulturerbe hatte nämlich zu. Zumindest war der Mann, der den Schlüssel zum Museum hat, nicht anzutreffen, sondern lag betrunken vom gestrigen Fest irgendwo herum und war auch von seiner Frau nicht aufzufinden. Wir haben dann kurzerhand einfach eine Familie nebenan gefragt, ob wir ihr Haus besichtigen können, was uns auch gegen ein bisschen Geld gestattet wurde. Es ist unfassbar, wie primitiv und doch geschickt man unter solchen extremen Bedingungen leben kann. Beeindruckt, aber auch immer froh, selber nicht da wohnen zu müssen, begutachteten wir die mit Fetisch vollgestopfte Festung. Tierköpfe, Krallen und Häute sonst welcher geschützter Tiere lagen im Wohnraum verteilt und durften auch nicht fotografiert werden, weil sonst irgendeine göttliche Erscheinung ziemlich miesgelaunt werden würde. Also, begnügten wir uns damit, alles in Augenschein zu nehmen. Als wir wieder rauskamen und unsere Motos besteigen wollten, kam der gute Mann mit dem Schlüssel und wollte uns nochmal Geld abnehmen. Nach harten Verhandlungen und einer einwandfreien Argumentation (Warum? Du warst doch überhaupt gar nicht da. Aber das hätte ja nichts damit zu tun), ließen wir uns von dem Partyfuchs noch eine kurze Führung durch zwei Räume geben, die angeblich das Museum darstellen sollten und gaben uns damit zufrieden. Schließlich waren wir sowieso hundsmüde und wollten eigentlich nur weiter in den Süden und in Richtung nach Hause kommen.
Aber das Einreisen war auch wieder mit großen Problemen verbunden. Da es keine richtige Grenze gab, konnten wir unsere Pässe nicht stempeln lassen. Für mich als grenzenlos aufgewachsener Europabewohner sowieso nicht nachvollziehbar, dass man das hier mit dem Ein- und Ausreisen so ernst nimmt. Dass das Stempeln, aber auch nur in Grenzstädten möglich ist und nicht in Kara, einer Stadt, die immerhin ne Stunde von der Grenze wieder entfernt war, erfuhren wir auch erst auf dem Commissariat in Kara selbst. Also, hat sich Julia erbarmt und ist nochmal zur Grenze gefahren und Flo und ich haben uns in der Hitze mit fünf Rucksäcken und einem 15 Litersack Wasser (Haha! Planung!) auf die Suche nach einem Hotel gemacht. Eine unfassbar nervige Angelegenheit, da wir wieder feststellen mussten, dass togoische Hotels tendenziell nicht auf Touristen oder vielmehr Gäste an sich eingestellt sind. Man weiß nicht, wie sie ihr Geld machen, aber bestimmt nicht durch guten Service oder die Bereitschaft irgendetwas von sich aus vorzuschlagen. So wollte eine Dame uns ein Zweierzimmer anbieten, hatte keine Matratze für die dritte Person, wollte aber den dreifachen Preis haben. Gegen so eine undiskutierbare Argumentation kamen wir auch nach 10 Minuten nicht an, also mussten wir eine Stunde durch die Stadt latschen und kamen fast gleichzeitig mit Julia und unseren gestempelten Pässen beim Hotel an. Feierabend.
Um hier zu schließen: wir kamen am Tag darauf und nach weiteren acht Stunden im großen Reisebus mit togoischer/ghanaischer/nigerianischer Kirchenmusik und diversen Soapeinlagen aus Jahrzehnten der qualitativ hochwertigen westafrikanischen Filmkunst auf einem Fernseher, der bei jedem Schlagschloch Stillstand hatte, wieder in Lomé an. Erschöpft, aber glücklich genossen wir einen Abend im bayrischen Luxuslokal in der Hauptstadt und nach so langer Zeit deutsche Küche. Mit Tränen in den Augen aßen wir Spätzle, Rotkohl und Senfsoße inmitten von Biedermeier Kunst aus dem bayrischen Hinterland. Ein perfekt unpassender Abschluss für einen fast perfekten Urlaub im westafrikanischen Stil.

Reisen in Absurdistan II: Ghana
Ghana! Das gelobte Land! Die einzige ernstzunehmende Demokratie in Westafrika. Städte wie in amerikanischen Hochglanzmagazinen und Autos, die neu sind. Keine Motos. Eine funktionierende Polizei, die tatsächlich kommt, wenn man sie ruft und eine medizinische Versorgung, die an europäische Standards herankommt. Strahlend scheint die Black Star Nation auf unser kleines und armes Togo. Da drüben hinter der Grenze ist alles besser. Davon wollten wir uns natürlich selber überzeugen und machten uns mit unglaublichen Vorstellungen auf, das westlich gelegene Nachbarland zu erkunden.

Au revoir, le Togo! Welcome to Ghana!
Als ob Togo uns noch einmal gebührend verabschieden wollte, fuhren wir in einem umgebauten Leichenwagen über die Grenze hin zu unserem zweiten Urlaub. Es gab zwei Bänke, auf denen sich 15 Leute gegenüber saßen. Und dann gab es uns. Wir durften auf Hockern in dem eigentlich nicht vorhanden Fußraum Platz nehmen. Natürlich zu zweit auf einen Hocker. Alles andere wäre nicht dem Stil entsprechend gewesen. Also, saß ich da. Mit halber Pobacke auf einem Holzhocker, versuchte Balance zu halten, da meine Sitzfläche bei jedem Hubbel und jeder Kurve in irgendeine Richtung geschleudert wurde und träumte von einer besseren Welt. Schmerzende und eingeschlafene Körperteile und ein plattgefahrenes Lamm später, kamen wir im größten Platzregen in Ghana an. Erste Tatsache: Naß, kalt teuer. Zweite Tatsache: Eigentlich auch kein Geld. Scheint bei meinen Reisen ein immer wiederkehrendes Problem zu sein. Jedenfalls hat Ghana natürlich auch eine andere Währung als Togo und alle seine anderen frankophonen Nachbarländer. Auch konnten wir, während man in Togo nur mit Visa Geld abheben kann, in Ghana vorwiegend nur mit Mastercard an Geld kommen. Als wir alle diese Anfangsproblemchen gelöst und einen Schlafplatz gefunden hatten, machten wir uns auf Erkundungstour. Wir waren noch nicht in der Hauptstadt und dennoch schon ein bisschen beeindruckt. Restaurants, fast normale Häuser. Dennoch immer noch die Stroh- und Wellblechhütten, die auch Togos Straßenrand säumen. Entgegen dem Tipp meiner Gastmutter gänzlich auf Essen in Ghana zu verzichten, da man "da drüben nur die Pest beim Essen bekommen kann", aßen wir ganz gut, aber auch etwas teurer als Zuhause. Am nächsten Tag wurden wir von einer fast unheimlichen Stille geweckt. Keine Ziegen- und Hühnergeschrei? Kein Kehrgeräusch um 4.30Uhr? Und wo bleiben überhaupt meine schon fast ans Herz gewachsenen, schreienden Radiomoderatoren? Verwundert und gespannt, machten wir uns nach kurzem Frühstück auf nach Accra, der knapp 3,5 Millionen Hauptstadt an der Küste. Stilecht im Trotro (ghanisches Buschfahrzeug), jeder auf seinem eigenen Sitzplatz (mein Po war sehr dankbar) und sage und schreibe einem Flatscreen auf dem amerikanische HipHop-Videos gezeigt wurden. Wo waren wir hier eigentlich? Ach ja, stimmt. Absurdistan.
Inmitten dieser unbeschreiblichen und irgendwie abstrusen Umgebung fuhren wir Straßen entlang, die nahezu perfekt waren und es wurde immer mehr sichtbar von einer entwickelten, kapitalistischen Umwelt. Einfamilienhäuser, Supermärkte und Bau- und Möbelhäuser, riesige Werbe- und Verkehrsschilder, Luxuskarossen. Aber zwischendurch immer noch Buschhütten, Wellblech und Stroh. Und dann kam Accra. A C C R A! Was für ein Monster. In jeder Hinsicht. Riesig, unübersichtlich und geordnet. Klein neben groß, modern neben alt, uselige Gammelshütten neben modernen Villenvierteln. Meine ordinären Fruchtgetränke wurden zu Smoothies, Fufu zu Pizza und Pudermilch und Rührkaffee zu Latte Machiato. Hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Entsetzen, weil alles einfach viel zu viel war, wurden wir hineingeschleudert in zu verwunderliche Eindrücke. Nach acht Monaten Dorfleben im Entwicklungsland war der Sprung zu groß. Im Appleshop in der Accra Mall (Ich betone nochmal kurz M A L L!) habe ich mein erstes IPad angefasst und einfach so Spiegel Online gecheckt. Warum auch nicht, es gab ja fast überall Wifi und Möglichkeiten für quasi kein Geld unlimited Internet zu benutzen. Da bin ich doch lieber mal ins Kino gegangen. Umgerechnet überteure 8 Euro, aber das musste nach so langer Zeit einfach mal sein. Der Geiz verbot zwar das Popcorn (was du dafür alles kaufen könntest!), aber ein Erlebnis war es trotzdem, sich in den dicken gemütlichen Kinositz zu kuscheln und sich anzuschauen, was denn für kleine Problemchen Hollywood so anzubringen hat.
Auf den ersten Blick also alles ganz wunderbar. Ich konnte wieder einmal Röcke und Hosen tragen, die nicht 10 Zentimeter unter dem Knie enden mussten. Wir machten Windowshopping. Genossen das perfekte Wetter zu einem Spaziergang am Strand. Schauten uns Cafés und abwechslunsgreiche Restaurants an. Leider nur von außen, denn Geld hatten wir keins. Beziehungsweise waren wir so vergeizigt worden von unserem togoischen Lebensstandard, dass wir schon fast ein krankes Verhalten an den Tag gelegt haben. Seitdem ich in Togo bin oder nach den ersten drei Monaten hier, bedeutet mir Essen eigentlich nichts mehr und doch alles. Sprich, ich esse nicht mehr sehr gerne, weil es mir langsam alles zu fad ist und zum Hals raushängt. Andererseits reden wir aber die ganze Zeit von Essen. Nachmittage sind schon auf Essensunterhaltungen und Träume von europäischem Luxusnahrungsmitteln draufgegangen. Und dann stehe ich dort, habe alle Möglichkeiten dieser kapitalistischen Umwelt und könnte essen was ich wollte. Was tun wir? Wir haben uns in diesem Urlaub das Essen fast gänzlich abgewöhnt. Zum Teil aßen wir an Tagen für unter drei Cedi (1,50 Euro) und hatten wirklich Schwierigkeiten damit, unser Geld bewusst für Essen "rauszuwerfen". Fassungslos, wo ich doch sonst bei allem spare, außer beim Essen. Da habe ich meine ersten wirklichen Veränderungen festgestellt. Ein knappes Jahr Togo prägt mich zumindest schon mal in diese Richtung. Ich bin gespannt, wie ich mich an die europäischen Maßstäbe und Preise gewöhnen soll...
Nichtsdestotrotz waren wir fleißig unterwegs in Accra. Mussten uns aber doch schlussendlich losreißen von diesem Paralleluniversum. Wir hatten schließlich einen Plan zu schaffen. Und da kam es dann doch. Der Schock! Das Aufwachen aus einem zu schönen Traum. Rund ums Reisen entdeckt man also doch immer noch jede Schwachstelle. Wo die Schwächen in Ghana liegen?

Situation an der Taxistation.
Ghanae: Hello, hello. Where you go?
Wir: We're looking for the Lorry Park (Busstation).
Ghanae: Yes, yes. Enter, enter.
Wir: Okay. But how much is it?
Ghanae: Yes, yes.
Leichte Reizung macht sich bemerkbar.
Wir: How MUCH?
Ghanae: For what?
Wir: (Stöhnen) For the Lorry Park! You know where it is?
Ghanae: Yes, yes. It's not far.
Wir: But HOW MUCH is it?
Ghanae: Where do you want to go?
Wir: (Unfassbare Stille. Schließlich, einer opfert sich) To the Lorry Park!!! And afterwards to Kumasi!
Ghanae: Yes, yes. Enter, enter. To Kumasi, Kumasi!
Wir: Okay. (Nerven zum Zereissen gespannt) First, we want to go to the Lorry Park. There we'll take a trotro to go to Kumasi. Just the Lorry Park and how much money would it be to to take us there? (Hey, auch unser Englisch war ein bisschen eingeschlafen nach so langer Zeit frankophoner Gesprächspartner...)
Ghanae: To Kumasi?
Wir: Verdammte Sch... (auf Deutsch!) To the Looooorrry Park!!!!
Ghanae: Oh, it's not far. 5 Cedis.
Wir: (Hoffnung wallt auf) You just said, it's not that far. We will give you two!
Ghanae: Where? To Kumasi?
Wir: ??? (Fassungsloses, verdattertes und hilfsbedürftiges Kopfschütteln) The LORRY PARK!! You know what. We'll just find another taxi. Thanks.
Ghanae: Oh okay. Better go to the street and look for a taxi. Don't pay more then 0.40 Cedis. It's close to here! (Dreht sich achselzuckend ab und lässt uns fassungslos zurück)

Ich nehme mir tendenziell gerne künstlerische Freiheiten, aber diesmal Fehlanzeige. So und nicht anders ist dieser Dialog abgelaufen. Ich habe ihn sofort notiert, um dieses wundervolle Beispiel an Kommunikationsmissvertändnissen darzustellen, die wir ununterbrochen in Ghana erleben mussten. Wie konnte es eine Nation so weit bringen, fragten wir uns, und so auf'm Schlauch stehen? Ob beim Omlette-Fachmann an der Straße, über den Hotelier in der touristischen Absteige bis hin zum Ticketverkäufer in Cape Coast. Fast keiner hat auf Anhieb gerafft, was wir eigentlich wollten. Anzunehmen, dass unser Englisch so schlecht geworden ist? Vielleicht. Aber da wir auch einen englischen Muttersprachler in unserer Reisegruppe hatten und auch ihm solche Missverständnisse unterkamen, konnte mangelnde Sprachfertigkeit zumindest nicht der Hauptgrund sein. Nun gut. Was soll ich sagen? Wir schlugen uns wacker durch den Dschungel an fehlgeleiteten Hinweisen und missverständlichen Geldangaben. Wer kann auch verlangen, dass man 50 Pesuas (0,5 Cedi) auch 50 Pesuas nennt, und nicht 5000, 500 oder 5?
Dennoch: wir haben viel gesehen und geschafft. Wir waren in Kumasi auf einem der größten Märkte Westafrikas, der bis zu 10 000 (!) Stände haben soll und im Reiseführer als Alienmutterschiff beschrieben wird. Zum Teil ein ganz guter Vergleich und nichts für das-erste-Mal-in-Afrika-auf-den-Markt-Geher, sonst würde es garantiert das letzte Mal bleiben. Wir haben Affen im Dschungel gestreichelt und sind auf Familie Obamas Spuren gewandelt und haben uns die Forts bei Cape Coast angeschaut. Dies war bis zur Mitter des 19. Jahrhunderts der Sklavenumschlagplatz par excellence und strahlt bis heute eine furchtbare Anziehungskraft aus. Eine sehr schöne Festung, direkt am türkisblauen Wasser gelegen und beeindruckend in ihrer Bauweise. Doch die äußeren Faszination passt nicht mit dem zusammen, was darin passiert ist. Wie weit gehen Menschen immer und immer wieder? Ziemlich weit, stellten wir während unserer Tour fest. Tausend Sklaven in drei Kellerräumen ohne Belüftung und Beleuchtung. Dicht aneinandergereiht, gtrennt von ihrer Familie, vegetierten zwei bis zehn Wochen, um dann auf ein Schiff wie die Konservenfische in die Karibik, nach Amerika oder Europa verschifft zu werden. Kalkulierte Verlustqutoe von bis zu 50 Prozent auf der Überfahrt inklusive. Ungewisses Schicksal, getrennt von allem, gingen die Afrikaner durch die "Door of no return". Da standen wir nun hundertfünfzig Jahre später, hörten uns die Schauergeschichten an und waren umgeben von Menschen, die ebenfalls als Touristen kamen, und dennoch so andere Hintergründe hatten als wir. Die Schauergeschichten waren ihre Geschichten. Geschichten von Menschen, die genau diesn Horror erlebt haben, und mit deren Nachfahren wir nun dort waren. Es machte sich ungewollt ein Unbehagen breit, was ich unkommentiert lassen muss, von dem wir aber alle ungewollt betroffen waren.
Regenwald, Traumstände – großartige Landschaften. Aber was bleibt für immer im Gedächtnis? Die Begegnung mit einigen Menschen.
Je weiter wir in den Westen kamen, desto häufiger haben wir Flüchtlingslager von der Elfenbeinküste gesichtet. Keine riesig Großen, aber dennoch beeindruckend und unangenehm. Dort in der Nähe zur Grenze und inmitten des Regenwaldes haben wir "Frenchman" getroffen, einen ehemaligen ivorischen Regisseur, der uns einen langen Abends an der Grenze einiges über afrikanische Demokratie erzählt hat. Interessante Informationen, die ich euch nicht vorenthalten will. Von denen ich aber auch nicht nachprüfen kann, ob sie stimmen. Zumindest nicht ohne weiteres.
Gbagbo war der frühere Präsident der Elfenbeinküste, stark national ausgerichtet und verfolgte eine eher abweisende Haltung gegenüber der ehemaligen französischen Kolonialmacht. Um eine zweite Amtszeit zu verhindern, sollen die Franzosen scheinbar, wenn nicht direkt, so doch indirekt in die Wahl eingegriffen haben. Vier Monate vorher sollen keine französischen Medikamente mehr an ivorische Apotheken geliefert worden sein, Menschen konnten nicht mehr versorgt werden im Krankheitsfall. Es soll ein Ausfuhrverbot nach Frankreich von ivorischem Kakao und Kaffee gegeben haben. Zudem soll die Anzahl der französischen Soldaten vor Ort stetig erhöht worden sein. All das, um Druck auf die Bevölkerung auszuüben, doch einen frankophileren Präsidenten zu wählen. Dies kann ich nicht nachprüfen (obwohl man es bestimmt versuchen könnte), wurde uns aber von einem geflüchteten Ivorer so zugetragen. Das hinterlässt einen etwas faden Geschmack und die Frage, inwiefern sich Frankreich sich noch immer an seine ex-Kolonien gebunden fühlt und ob Demokratie unter diesen Umständen als solche gelten kann. Bisher hatte ich in dieser Frage eine sehr einfache Einstellung – wer gewählt ist, ist gewählt und sollte auch seinen Präsidentenpalast beziehen dürfen. Vielleicht in dieser Frage zu einfach. Ich weiß es nicht.
In Cape Coast hatten wir auch die "Freude" eine rassistische Schwarze aus Europa kennenzulernen. Okay, zu ihrer Entschuldigung: sie war sicherlich ein bisschen verrückt. Dennoch war sie auch sehr stark davon überzeugt, dass Weiße die Festung nicht besuchen dürften, weil wir uns nicht in das Schicksal der Schwarzen einfühlen könnten. Zudem wird sowieso irgendwann die schwarze Bevölkerung das Zepter in die Hand nehmen und die Europäer würden in Ketten gezwungen werden. Dann würden sie all das abbekommen, was die Schwarzen zu erleiden hätten. All das erzählte sie in dramatischer Gestik und Mimik ihrem Videohandy, mit dem das ganze Geschehen aufgezeichnet wurde. Besonders schön: auch unter der Erinnerungsplakete des Forts: "May humanity never again perpetrate such injustice against humanity." Da hat einer aber alles richtig verstanden und die besten Schlüsse gezogen! Ich fand die Dame absurderweise aufgrund ganzen Aufmachung viel zu komisch, als dass ich sie ernst nehmen konnte. Aber es ist trotzdem auch wichtig und natürlich trotzdem ein wenig unangenehm, Leuten zu begegnen, die solche Einstellungen vertreten. Auch wenn ansonsten in unserer Touristengruppe keiner diese Ansicht war. Denen war der Auftritt vielmehr peinlich und sie warfen uns unter schwer zurückgehaltem Loslachen, entschuldigende Blicke zu.
Meine lustigste Begegnung hatte ich auch in Cape Coast! Direkt am Wasser spazierten wir an Touristenläden der Rastafari vorbei. Man kennt sie, man kennt die Sachen, man kennt all das. Irgendwann haben wir uns doch mal einen Laden aus der Nähe angeschaut, sind aber rückwärts direkt wieder raus, weil es einfach nichts war. "Dass das nix ist, seh ich sofort", meinte Nils. "Ach ja, woher weißte dat denn?", fragte der Verkäufer auf deutsch zurück. Ooops. Woher er so gut deutsch könne? "Isch komm aus Aachen." "Ne, ich auch!!!", rief ich freudig. "Alter", schrie er, "ne eschte Oecher!! Das ist ja illegal!!" Dann unterhielt ich mich eine halbe Stunde mit Dennis aus Eschweiler. Wir haben uns erstmal, er im schönsten oecher Dialekt, ausgetauscht über Aachen, Deutschland und über die Art und Weise in Ghana, Togo und an der Elfenbeinküste zu wohnen. Was Zufälle so bringen.
Nach all diesen Begegnungen, Besichtigungen und Beeindruckungen, war unsere Zeit irgendwann sehr schnell zu Ende. Ich glaube, so richtig traurig war keiner. 46 Stunden Busfahren in neun Tagen sind einfach anstrengend, da kann die Straße noch so gut sein. Wir sehnten uns nach dem "Bonjour. Ca va!" (Französisch ist einfach die schönere Sprache), dem "Yovo, yovo, ca va bien, merci"-Chören, und den netten Togoern. Uns wurde viel von Ghana versprochen, einiges wurde gehalten, vieles aber auch nicht. Ghanaen sind zu Touristen aufgrund der Unmenge von ihnen, nicht mehr allzu freundlich. Wir sehnten uns nach Motofahren und unkonventionellem Geplapper mit wildfremden Leuten. Die Ghanaen waren eher schon "busy-in-business". Wir sind froh, dass wir im wunderbar schäbigen Kpalimé nur den Inder (der eigentlich doch Pakistani ist) zur Auswahl haben, der alles an Luxusnahrungesmitteln hat, was wir wollen: Dosenmais, Klopapier und mal eine Cola Kurz: wir wollten einfach nach Hause. Zum Schluss waren wir Richtung Grenze unterwegs. Wir verliessen Ghana im Regenguß, Schlammüberflutung inklusive. Zudem war es dunkel wie die Nacht, da Stromausfall herrschte. Mit Blick auf den strahlend beleuchteten Boulevard Lomés, eilten wir unserem Lieblingsland entgegen. Und plötzlich wurde uns bewusst, dass das Zuhausegefühl doch von vielen verschiedenen Faktoren abhängt und das kann nicht durch keinen noch so europäisierten Konsum erreicht werden.

Welch, erleuchtende Einsichten, dachte ich mir und brauste auf einem Moto meinen letzten zwei Monaten in Togo entgegen. Meinem Lieblingsabsurdistan, das ich den Rest meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen möchte, um noch alle Absurditäten aufsaugen zu können, die hier auf mich warten. Und von denen mir wahrscheinlich die Hälfte gar nicht mehr auffallen wird. Darf ich mich vorstellen? Frau Absurdistan höchstselbst!
Viele Grüße aus Togo,
Sabrina