Montag, 14. März 2011

Warum wohnen deutsche Studenten in Toiletten? Wie viel Integration ist eigentlich richtig? Und wieso vermittelt Stars Wars auch Lebensweisheiten?

Montag, 11.53 Uhr, das Ende naht in der Doppelstunde Deutsch, Lycée Agou Nyogbo

Sabrina: So, also, der Text mit den deutschen Jugendlichen ist gelesen, Fragen habt ihr hoffentlich beantwortet. Gab es denn Probleme mit Wörtern im Text?
Klasse: (Allgemeines Schweigen)
Sabrina (deutlich verlangsamt): Gab. Es. Probleme. Mit. Wörtern. Im. Text?
Klasse: (Schweigen hält an)
Sabrina (beugt sich dem Druck): Est-ce qu'il y a des mots qui vous ne connaissez pas?
Klasse: Aaaaahhhh..... oui, oui. C'est quoi „WG“?
Sabrina: Okay, es bedeutet nicht Toilette, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.
(Bewegt sich zur Tafel und schreibt WG = Wohngemeinschaft = domicile en commun, communauté. Darunter: WC = Toilette. Dies und einige Erläuterungen später) Unterschied verstanden?
Klasse: Ja, ja!!!
Sabrina: Gut. Warum. Sieht. Julia. Ihre. Eltern. Jetzt. Nur. Noch. So. Selten?
Zappa aus der dritten Reihe: Julia kann sehen ihre Familie nur selten, weil … (zweifelnder Blick an die Tafel, Blick aufs Blatt), weil... sie in einer Toilette wohnt!

Ich sitze an meinem üblichen Platz und wie so oft vor meinem Computer in meiner kleinen Wellblechhütte, starre an die mittlerweile geliebte Blümchentapete und zerbreche mir ein bisschen den Kopf, wie ich meine sechs Monate in Togo zusammenfassen kann. Immer wieder blättere ich in meinem Kalender, zähle die Tage, die hinter mir liegen und überlege, was wohl noch alles so auf mich zu kommen mag, in meinen noch kommenden drei Monaten in Nyogbo.
Was soll ich euch sagen? Ich bin hin- und hergerissen zwischen Hochgefühlen und Traurigkeit, Heimweh und Zufriedenheit, Sinnvollem und Sinnlosen, Naivität und Realität. Während ich gerade genüsslich an meiner Bouille (eine Art togoischer Kinderbrei, der aus Hirse, Reis oder Maniok gemacht werden kann) mümmle, komme ich ins Grübeln. Laute Musik weht rein und wiederholt ärgere ich mich über togoische Radiomoderatoren, die Stunden lang kreischen und reden. Wenn sie dann aber beschließen, endlich Musik zu spielen, singen sie so laut und schief mit, dass man sich wundert, warum sie überhaupt welche laufen lassen. Über was sie da eigentlich die ganze Zeit quatschen, ist mir nach 200 Tagen immer noch ein unlösbares Rätsel.
Eigentlich fühle ich mich zufrieden. Aber uneigentlich? Ich muss doch gestehen, dass mir die Zuschauerbank, die mir der Freiwilligenstatus verschafft und auf der ich bisher so gemütlich und weich gesessen hatte, langsam aber sicher ziemlich am Hintern drückt! Sei es in der Schule oder in der eigenen Gastfamilie. Mittlerweile beschäftige ich mich oft mit der Frage, wie viel Integrationswillen und Bereitschaft zum Verzicht auf die eigene Meinung ich mir selbst denn erlauben kann? Wann ist der Punkt überschritten, an dem man sich entscheiden muss, nehme ich das, was ich sehe, so an oder mische ich mich ein? Werde ich mir selbst untreu, wenn ich nur hinschaue und mich raus halte? Inwieweit bedeutet Integration in eine fremde Kultur der Verzicht auf viele der eigenen Werte? Kurz: Wie viel Integration ist die richtige Integration?
Natürlich stellte ich mir in Deutschland so Fragen nicht. Zumindest bisher nicht. Warum auch? Da kenne ich mich aus und kann davon ausgehen, dass mein Freund, Nachbar und der Großteil der deutschen Gesellschaft die gleichen oder doch ähnliche Ansichten besitzen. Zum Thema körperlicher Unversehrtheit zum Beispiel. Bei uns ist es klar, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen. Weder in der Schule noch in der Familie. Ob es in allen Familien durchgesetzt wird oder nicht, ob ein Klaps eine tolerierbare Grauzone ist oder eine Ohrfeige die Ausnahme, ist dann wieder die Frage. Aber zumindest gibt es im Grunde genommen doch rechtliche Grundlagen, die relativ gut funktionieren. Okay, jetzt schweife ich ab. Was ich sagen möchte ist, dass ich in Deutschland bisher keine Diskussion über körperliche Strafen anfangen musste, weil ich doch wusste, dass im Grunde mein Umfeld dieselben Ansichten vertritt wie ich. Mit dieser Einstellung komme ich nach Togo, bereit mich an einiges zu gewöhnen. Natürlich wurde uns eingebläut, dass wir hier nicht mit den deutschen Maßstäben messen dürfen. Klar, dachte ich, werde ich schon nicht. Ich bin doch ein toleranter Mensch und wenn ich was sehe, was für mich absolut nicht geht, werde ich vernünftige Gespräche führen und mit Hilfe des gesunden Menschenverstands (sprich in dem Fall natürlich meinem), mein Gegenüber schon zu überzeugen wissen.
Jetzt sitze ich nach sechs Monaten in meiner Gastfamilie. Höre wie meine Mutter einen Teppich ausschlägt. So richtig laut drauf klatscht. Dann fängt der vermeintliche Teppich an zu kreischen und zu weinen und ich muss feststellen, dass es doch wieder meine Gastschwester ist. Ich laufe raus, stell mich daneben. Zumindest das bringt Inno dazu, den Stock weg zustellen. Ich gehe zu Mawssime, die sich vor Schmerzen die Schulter hält und tröste sie so gut es geht. Natürlich verschwindet sie nach ein paar Minuten und arbeitet wieder. Bevor es nochmal Schläge wegen Faulheit geben könnte. Ich knie noch auf dem Boden und in mir brodelt es richtig. Diesmal spreche ich Inno drauf an. Jetzt reichts. Ich kann es einfach nicht mehr sehen. Doch erst verschiebe ich das Gespräch auf abends, dann auf den nächsten Tag, letztendlich lasse ich es ganz sein. Kann ich mich einmischen? Inno, bitte hör auf deine Nichte zu schlagen, sie arbeitet doch schon 12 Stunden am Tag, manchmal bis späten Mittag ohne etwas zu essen. Sie holt alles, macht sauber, fegt den ganzen Hof, kocht. Nachts macht sie total erschöpft zwanzig Minuten ihre Hausaufgaben, glücklich wenn Inno sie nicht alle 2 Minuten wieder aus der Konzentration holt. Was verdammt nochmal willst du noch? Ich weiß es nicht und wunder mich über mich selbst, was aus mir geworden ist. Verschüchtert von dem fast schon zwanghaften Gedanken, dass ich tolerant sein muss, dass es schon seine Beweggründe haben wird und dass man in Afrika einfach anders mit seinen Kindern umgeht? Kann ich es mir erlauben mich einzumischen? Ich habe schon öfter mit Inno über Kindererziehung gesprochen. Sie meint, dass ich das nicht verstehen würde, dass Kinder in Afrika andere Dinge lernen müssen. Wenn Mawssime nicht kochen lernt, kann sie später keinen Mann finden. Ihn nicht bei Laune halten und ernähren, genau wie ihre komplette Familie. Was soll ich dazu sagen? Nach einem halben Jahr. Reicht das um Überzeugungsarbeit zu leisten? Habe ich jetzt den Durchblick? Vielleicht würde sie es mir auch gar nicht übel nehmen. Wahrscheinlich aber auch, dass es sie gar nicht interessiert. Als ich Besuch hier hatte, waren meine Mutter und Christian teilweise total entsetzt von dem Umgang, der hier herrscht. Kann man denn da nichts sagen? Das geht doch so nicht. Das arme Kind arbeitet sich kaputt. Überrascht habe ich daraufhin festgestellt, an was ich mich schon alles gewöhnt haben muss. Nein, in der Tat so geht es nach deutschem Maßstab nicht. Aber das ist mir irgendwie zu einfach gedacht. Kann man sich nach ein paar Tagen in der togoischen Realität, gepolstert vom Status des verwöhnten Europäers, der nichts außer der westlichen Lebensweise kennt, hier hinstellen und sich einmischen? Das geht meines Erachtens auch wieder nicht. Die Frage ist nur, mit welchem Maßstab messe ich selbst nach sechs Monaten Togo?
Manchmal ärgere ich mich aber auch über andere Sachen. Wir haben Familienzuwachs bekommen. Ein einundzwanzig jähriges Mädchen und ihrer anderthalb Jahre alte Tochter. Juliette, die Kleine, hat am Anfang viel geschrien und ich habe mich schon etwas gewundert, denn normalerweise schreien afrikanische Kinder nur selten. Dann musste ich raus finden, dass sie vor Hunger schreit. Könnt ihr euch das vorstellen? Bildlich jetzt? Ich esse meinen Teller schön vollgeladen bis oben hin und neben mir hungert ein Kind? Das Traurige dazu, dass ich es nicht mal bemerke? Kein schöner Gedanke. Und warum hungert Juliette? Weil Inno ihr nichts zu essen gibt. Sagt die Mutter. Inno sagt, es wäre Essen da, es müsste nur jemand zu bereiten, sie sieht sich da nicht in der Verantwortung. Was für ein Müll, denke ich mir da. Wenn das Kind schreit, gebt ihm doch um Himmelswillen was zu essen und verzichtet auf irgendwelche Autoritätsspielchen. Mittlerweile laufe ich schon gehetzt auf den Hof raus, wenn die Kleine schreit, weil sie sich letztens furchtbar die Füße verbrannt hat auf dem heißen Boden. Sie stand heulend da, barfuß, klatschnass geschwitzt, die Mutter läuft ohne zu helfen vorbei. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Als ich kam, hat sie mir flehend die Händchen entgegen gestreckt und fast einen halben Liter Wasser getrunken. Naja, die Kleine muss halt lernen, dass sie nicht mit nackten Füßen auf den heißen Hof raus läuft. Das bekommt man dann als Antwort. Sind das jetzt unterschiedliche Erziehungsauffassungen? Fragen über Fragen, aber weitergekommen bin ich dadurch nicht.
Aus solchen Sinnkrisen holt mich dann manchmal die Schule.
Nicht, dass dort das Thema Kindererziehung nicht von Belang wäre. Aber erstens bin ich im Lycée, das heißt dort schlägt man weniger (die Jüngeren im Collège schlägt man häufig, die sind ja auch noch zu formen) und zweitens bin ich mittlerweile wahrscheinlich auch einfach weniger zimperlich geworden. Ich wäge dann auch manchmal ab. Was ist besser für die Schüler, lieber zehn Schläge oder eine Stunde auf dem harten Betonboden knien?
Nichtsdestotrotz.
Nach den Weihnachtsferien war ich wieder schnell zurück. Dienstags mein eigener Unterricht in Englisch läuft gut. Abgesehen davon, dass ich mich damit herum plage, dass meine Schüler öfter meinen kopierten Text vergessen und ich improvisieren muss. Ich habe nun eine kleine Umfrage gestartet, um genauer zu erfahren, was sie denn in Englisch noch lernen wollen und wo es bei ihnen hadert. Zudem wollte ich wissen, welchen Beruf sie später machen wollen. Abgesehen davon, dass manch einer meiner Schäfchen einfach nur reich sein möchte oder Fußballstar als Lebensziel anpeilt, kamen doch einige ernsthafte Ideen wie Lehrer, Arzt und Banker. Allerdings, auf näheres Nachfragen hin, bekam ich das Gefühl nicht los, dass sie auch einfach keine anderen Berufe mehr kennen. Wie denn auch, frage ich mich, wenn die meisten keinen in der Familie haben, der entweder studiert hat oder selbst nur einen der oben genannten Berufe ausübt. Zudem wenn es kein Internet gibt bzw. sie gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollten, wenn sie Zugang dazu hätten. Schwierig, schwierig. Aber im Endeffekt weiß man andererseits auch in Deutschland nicht unbedingt in der elften Klasse, was man später werden möchte, wenn man mal irgendwann erwachsen werden sollte. Da urteile ich nicht zu hart, bin ich doch selbst ein gutes Beispiel für berufliche Unentschiedenheit. Allerdings ist mein näheres Ziel nun eine Art kleine Studienberatung zu starten und die Homepage der Uni von Lomé zu konsultieren. Wäre schön, wenn ich ihnen so ein bisschen etwas über andere Studiengänge berichten könnte.
Des Weiteren sind wir gerade dabei Briefe an eine Schule in Duisburg zu schreiben und was muss ich feststellen? Wie motiviert und begeistert meine Schüler mitmachen. Die importierten Wörterbücher werden mir quasi aus der Hand gerissen und von allen Ecken schallt es „Frau Sabrina“, „Madame“ oder manchmal auch einfach nur „Frau, Frau“. Ich fühle mich bei allem angesprochen und es läuft wirklich gut. Vielen Dank an dieser Stelle für jedes einzelne Wörterbuch von Euch! Sie helfen wirklich viel und die Schüler lieben es damit zu arbeiten.

So, nach nun fast 2 Wochen Bearbeitung dieses Blogs, fällt mir auf wie negativ sich mein Familienleben für euch anhören muss. Aber es ist auch wichtig, dass ich euch sage, dass es auch andere Momente gibt! Tage an denen alles rundgeht. An denen ich meine lachende und vor Freude kreischende Gastschwester um den Hof jage. An denen ein 15 Teile Puzzle zu einem Generationenspiel wird, weil neben Mawissime, Juliette, auch meine Gastoma und Innos Freund mitpuzzeln. Augenblicke in denen ein „Sabsab“ oder ein „Sabroooo“ von Inno meine Laune hebt. Abende an denen man einfach zusammensitzt und Sterne anschaut. Situationen auf der Straße, wenn ich immer wieder anhalte, um einen Plausch mit allen möglichen Bekannten zu halten. „Bonne arrivée“, „Efoa?“ oder einfach ein nettes „Ca va?“ erhält man an jeder Ecke. Anstrengende Minuten, wenn ich mich überreden lasse, um Wasser aus dem Brunnen zu holen und es dann mehr schlecht als recht auf dem Kopf nach Hause schleppe. Jeder Schritt allerdings von anerkennenden Worte und jeder Menge hilfreiche Ratschläge meiner Nachbarn begleitet. Es gibt Abende, an denen Inno mir spontan die beste Pizza Togos serviert. Und den anderen natürlich auch was abgibt. Tage, an denen Nachhilfe geben, Unterricht halten und in der Bibliothek sitzen und quatschen, erfüllend wirken. Abendstunden, in denen die Moderatoren genau im richtigen Moment den Mund halten und eines meiner togoischen Lieblingslieder spielen. Ganz normale Tage die durch freundliche Menschen und liebe Gesten zu großartigen Tagen werden. Momente, in denen einfach alles gut ist und die sich wunderbar anfühlen. So als ob man einfach am richtigen Ort zu sein scheint.
Aber wie kann ich die dunklen und hellen Momente in meinem Gefühlschaos ordnen? Muss ich mich entscheiden und Inno unausstehlich finden, weil sie nicht so ist und denkt wie ich? Weil ich ihr Verhalten teilweise unmöglich finde und andersrum doch froh bin, dass sie manchmal einfach so trocken-herrisch ist? Was tun? Was lassen? Zur Ablenkung schaue ich Star Wars und was erhalte ich da? Tipps für jede Lebenssituation. „If you are not with me, then you're my enemy!“, sagt Anakin Skywalker zu Obi Wan in der Endgegnerschlacht in Teil Drei bevor er zum Sithlord Darth Vader mutiert. Der Jedi antwortet daraufhin „Only a Sith deals in absolutes.“
Was sagt mir das? Außer das ich zu viel Science Fiction schaue und mich nicht immer in andere Welten träumen sollte? Inno ist nicht wie ich. Aber kann ich sie verurteilen? Sie hat andere Hintergründe und Erlebnisse, die sie so gemacht haben wie sie ist. Genauso wie ich durch alles Mögliche im Laufe der Zeit geprägt wurde. Es gibt so viele kulturelle und altersbedingte Unterschiede zwischen uns, dass man kaum Gemeinsamkeiten findet. Kann ich erwarten, dass wir reibungslos funktionieren? Nein, beim besten Willen nicht. Zudem kann ich die Welt nicht immer so einfach in Gut und Böse teilen. Ich übersehe sonst die Grauzonen. Es gibt keine Lösung für mein Problem. Keine „richtige“ Integration. Es ist einfach nur verdammt viel Arbeit und Verständnis für mein Gegenüber notwendig. Aber genauso viel Verständnis möchte ich auch von ihr haben und zwar für meine Ansichten. Schließlich sind wir beide weder Bösewichte, noch fehlerlos! Also, bleibt mir als Fazit wieder nur eins. Kommunikation ist und bleibt das oberste Gebot.
Aber dazu begebe ich mich nun nach sechs Monaten von der Zuschauerbank endlich ins togoische Spielgeschehen! Und, ich will auch mal den Ball haben...

Viele Grüße aus unglaublichen 41°,
Eure Sabrina