Es begab sich zu einer Zeit als in Deutschland eisige Kälte herrschte, dass ich im heißen togoischen Winter Besuch einer Außerirdischen bekam. Ich war nicht überrascht, schließlich hatten wir es schon vor meiner Abreise verabredet. Am 28. Dezember 2010 wagte meine weihnachtlich-blasse Mama den Schritt über das Mittelmeer und hinein in meine neue, sonnige Welt.
Was, fragte ich mich als europäische Togoerin da, sind die wichtigsten Hilfsmittel, um sich als Außer-Afrikanische südlich der Sahara und irgendwo in der westafrikanischen Peripherie zurecht zu finden? Ebenso wie in dem wunderbaren Buch, dessen Titel mir auch als Inspiration zu diesem Bericht diente, handelt es sich dabei zunächst um das Hilfsmittel „Handtuch“. Glaubt es oder nicht, aber ein Handtuch kann hier schon einige Vorteile bringen. Man kann es sich umhängen, Mücken verscheuchen, Pfützen von ausgelaufenen Wassersachets aufwischen, es als Kopfkissen/ Laken/ Decke benutzen, es sich bei Fieber nass um den Kopf wickeln oder aber auch, abhängig vom Reinlichkeitsgrad, wunderbar damit abtrocknen. Ihr seht – unerlässlich. Weiterhin hilfreich sind ein Fotoapparat (man sollte ja schließlich in Außer-Afrika beweisen können, dass man einheimische Flora und Fauna gesehen hat), eine sinnvolle Malariaprophylaxe (trotz welcher man, entgegen außer-afrikanischer Hinweise, dennoch Malaria bekommen kann) und natürlich ein Koffer voller Geschenke, um erste Sympathiepunkte bei der togoischen Familie zu sammeln. Bereits bei der Einreise, zeigte meine außerirdische Mutter auch ein sehr gutes und seltenes Anpassungsvermögen. Schließlich heiratete sie quasi direkt am Flughafen einen Togoer und „verlor“ ein bisschen Geld, um oben genannte Hilfsmittel ohne Probleme ins Land zu schleusen. Wer es an dieser Stelle nicht versteht, macht nichts. Manches kann man aus der togoischen Realität nicht öffentlich in einen Blog schreiben.
Wie dem auch sei, meine Außerirdische kam nach einer wackligen Reise durch die Galaxis bei mir an. Zumindest körperlich. Geistig brauchte sie eine Weile, um all das, was sich um sie herum abspielte und inzwischen zu meinem Alltag gehört, zu verarbeiten. Wohlweislich verfrachtete ich meine Mutter in ein annehmbares Luxus-Hotel nach togoischem Maßstab. Die ersten Anpassungstage verbrachte sie dennoch in einem Zustand des Sich-Wunderns. Es ergaben sich folgende Fragen zum Einleben:
Wie viele Menschen passen auf ein Moto/Minibus? (Antwort: Man kann es nie genau sagen. Gelten Kinder da als zählbare Faktoren?)
Wird die Toilette bei dir noch schlimmer? (Haha, welche Toilette?)
Wo ist die Dusche? (DAS ist die Dusche.)
Kann man das Leitungswasser hier eigentlich trinken? (Jaja... Moment, was, hast du gesa... NEEEEIN, STOP! Spuck das SOFORT wieder aus!)
Wie heißt denn die Straße hier? (Es gibt keine Namen für Straßen. Zumindest nicht unbedingt unterschiedliche für verschiedene Wege)
War da gerade eine Ziege auf dem Autodach festgemacht? (Hab es nicht gesehen, aber klar, warum nicht?)
Darf ich ein Bild von der Frau mit dem Kind auf dem Rücken, dem vollgepackten Moto, der bunten Eidechse machen? (Mach was du möchtest, aber du wirst noch unendlich viele sehen!)
Okay, kurz gesagt: Die Zeit mit meiner Mutter ging rasend schnell um.
Die ersten Anreisetage waren wir in Lomé, dann zu Neujahr in meinem Dorf und haben fleißig Bekanntschaften mit der Feierwut und der unendlichen Lautstärke togoischer Riesenmusikboxen vor meiner Zimmertür gemacht. Man kann also auch Pech haben in einer Bar zu wohnen... In Nyogbo habe ich eine kleine deutsch-togoische Familienzusammenführung gestartet und meiner Mutter das Dorf und die Umgebung gezeigt. Müde, aber sehr zufrieden gingen die Tage um und bevor wir uns noch wundern konnten, war Silvesterabend, den wir sehr gemütlich verbracht haben und erst um Mitternacht in die Kirche gegangen sind. Dort steppte dann allerdings der Togoer! Holla, die Waldfee. Es war richtig schön das ganze Dorf feiern zu sehen. Den ersten Januar sind wir vormittags auf den Mount Agou gefahren, um Flo, unseren freiwilligen Einsiedler auf dem Berg, und seine gesamte togoische Familie zu treffen und mit Fufu und Sodabi (dem bekannten Höllengesöff) auf 2011 anzustoßen.
Frisch und gesund ins neue Jahr gestartet, sind wir tags darauf auch schon in den weiten Norden Togos gereist. Mit einem Minibus vollgepackt mit Ziegen, einem Hund, zwei Hühnern, wovon wir eines unterwegs verloren haben, und 18 Menschen mit Gepäck fuhren wir über die Route Nationale Richtung Atakpamé. Ich denke bereits die Reise war ein Erlebnis außerirdischer Art! Heiß, stickig, eng, selten so einen Neujahrsbeginn verbracht. Wir haben uns aber dennoch sehr gut unterhalten gefühlt und kamen staubig und müde nach 6 Stunden Reise zufrieden an. Von den sechs Stunden haben wir aber sicher zweieinhalb noch in Kpalimé verbracht, weil wir warten mussten bis das Auto auch wirklich richtig vollgepackt war.
Aber als ich mir meinen Reiserucksack umschnallte und loszog, um endlich was von dem Land zu sehen, das ich seit knapp vier Monaten mein Zuhause nenne, stellte sich mir die Frage: Was kann man als Tourist in Togo eigentlich sehen? Es ist verdammt schwierig im Vorhinein eine Antwort zu finden. Der Reiseführer erzählt viel, nützt aber dennoch wenig, abgesehen von einer eingegrenzten Hotelauswahl. Togo ist und bleibt einfach kein typisches Touristenland und damit muss man sich abfinden. Aber genau darin liegt auch irgendwie der Charme. Wir waren auf den „routes less travelled“ unterwegs und haben uns an den togoischen Eigenheiten, einer wunderbaren Landschaft und den vielen Menschen erfreut. Manchmal konnten wir uns vollgepackt mit drei Rucksäcken und völlig entnervt vor Motofahrern nicht wehren. Dann waren wir wieder total eingenommen von Menschen, die kaum etwas besitzen, aber das was sie haben so offenherzig teilen, als ob sie alles besäßen. Natürlich hört man es oft und ich will nun nicht auch noch in dieselbe verallgemeinernde Tröte der „unheimlich gastfreundlichen Afrikaner“ blasen, aber ich muss euch wirklich und ernsthaft sagen: der Großteil der Togoer sind so unheimlich nett und entgegenkommend, dass wir uns schon manchmal gefragt haben, womit wir das verdient haben! Man wird sofort eingeladen, bekommt zumindest kalte Getränke serviert, wenn nicht noch eine warme Mahlzeit. Selbst wenn der Gastgeber dafür nochmal schnell einkaufen gehen muss. Unfassbar offenherzig und ich muss es einfach doch sagen, gastfreundlich! Andererseits gibt es natürlich auch viele Menschen, die nach den ersten zwei Minuten unserer Bekanntschaft den reichen Yovo nach seinem Handy, dem Rucksack fragen und noch 100 CFA fürs Essen haben wollen. „Il faut me donner un vélo“, hörten wir oft von Kindern. Man kann es nicht ändern und manchmal doch auch verstehen, dass sie fragen, dennoch nervt es nach einer Weile sehr. Punkt.
Was haben wir also getan, so als Tourist in Togo?
Wir haben kleinen Kindern zwar kein Fahrrad, aber dafür unsere Emailadresse gegeben. Wir haben Busreisen der außergewöhnlichen Art verbracht. Wir schlugen uns mit miserablen Klimaanlagen und netten Mechanikern herum. Wir lernten den nicht auf touristen-eingeübten Service in togoischen Hotels kennen. Wir lernten, dass man im Norden nie das bekommt, was auf der Menükarte steht, weil alles schon weg ist. Wir haben einen armseligen togoischen Nationalpark besucht und lernten, wie miserable Politik und bis heute vierzig Jahre Diktatur einem Land eine so hoffnungsvolle touristische Einnahmequelle versiegen lassen kann. Dennoch oder gerade deshalb freuten wir uns riesig über einige Affen, noch weniger Gnus und eine wacklige Allradtour durch eine wunderbare Landschaft. Wir spazierten durch Städte und Gegenden, von denen wir uns eingestehen mussten, dass wir selten so etwas Trostloses gesehen haben. Vor allen Dingen mussten wir aber damit umgehen, dass wir als Touristen in Togo immer nur auf der Zuschauerbank sitzen können. Wir schauten uns die Menschen an und gingen dann weiter unserer touristischen Wege.
Als wir einmal so beieinander nachmittags in der strahlenden und heißen Sonne saßen und quatschten, setzte ich mich irgendwann auf und meinte, dass sich Togoer niemals so in die Sonne setzen würden, die meiden die Sonne sinnvollerweise und sitzen nur im Schatten. Daraufhin sagte meine Mutter, den für mich unvergesslichen Satz dieses Urlaubs, wenn nicht sogar meines Aufenthaltes: „Selbst wenn wir uns in den Schatten setzen würden, wären wir noch lange keine Togoer.“ Ob sie es geplant hatte oder nicht, selten kam mir ein Spruch so unheimlich weise vor. Denn nach vier Monaten in Togo merkte ich langsam, dass ich einfach in einer anderen Kultur gelandet bin und dieser Satz fasst meine Gefühle ziemlich gut zusammen.
Ich passe mich an, versuche mich an alles zu gewöhnen, offen und tolerant zu sein. Ich tue meistens das, was man mir sagt und versuche keinen falschen Schritt zu machen. Aber um glücklich zu sein, kann ich auch nicht auf alles verzichten. Ich muss manchmal über mein vor ölschwappendes Essen jammern und mir einen wunderbaren Salat im Restaurant bestellen. Ich muss einfach über diese Horrorfahrweise maulen und lautstark den Fahrer verfluchen, wenn er rast wie ein Verrückter oder die Augen verdrehen, wenn wir nochmal am Straßenrand anhalten, um den achten Passagier einzusammeln, der sich noch irgendwo dazwischen quetscht. Ich kann diese Kommandiersprache nicht ab, ich möchte gebeten werden. Anstatt „Vas..., Il faut..., viens!“ kann man doch auch einfach ein „Bitte“ einfügen, was ist daran verdammt nochmal so schwer? Die Straßen sind richtig schlecht, ich sag euch so Schlaglöcher habt ihr und eure Autos noch nie gesehen! Oft geht mir das Yovo-sein auf den Sack, ich fühle mich dauernd bei den Preisen übervorteilt und überhaupt würde ich auch gerne mal wieder ins Kino. Diskussionen über das Schlagen an Schulen fange ich gar nicht erst an, Lösungen habe ich schließlich auch nicht. Und einen leckeren Kaffee könnte ich auch mal wieder haben. Außerdem sitze ich halt auch gerne mal in der Sonne. Es gehört so viel dazu sich in einem fremden Land einzugewöhnen, aber noch so viel mehr gehört dazu, sich auch darin wohlzufühlen. Alleine schon das hat mir der Urlaub mit meiner Mutter gezeigt. Egal, wie viele Monaten ich noch in Togo verbringen werde und das Gefühl habe, dazuzugehören. Kaum schnalle ich meinen Rucksack auf, bin ich wieder ein normaler Tourist in einem Entwicklungsland und schüttele über so vieles den Kopf. Aber genauso wie ich viele Verhaltensweisen seltsam finde, werde ich doch auch so oft mit meinen Eigenheiten belächelt.
Ihr seht – ein Urlaub, viele Folgen. Interkultureller Austausch at it's best! So wanderten wir durch den Norden Togos, den Kopf voll, das Herz frohgelaunt und doch nahte der Abschied sehr schnell. Wir hatten es noch bis Sokodé geschafft (ca. Mitte Togos) als wir uns 7h in den Bus setzten, um ins 350 Kilometer entfernte Lomé zu kommen. Dort haben wir die letzten Tage noch gemütlich verbracht und uns mit Karten spielen auf den Abschied vorbereitet. Tränenreiches Aufwiedersehen am Flughafen, schließlich bin ich ja noch sechs Monate hier, und meine Außer-Afrikanische verschwand wieder aus meiner togoischen Realität. Nun sitze ich wieder hier. Aber nicht in der Sonne, sondern bei meiner togoischen Familie im Schatten und genieße mein Leben als Beobachter, Entdecker und Mitmensch in Afrika. Auf die nächsten sechs Monate!
Mit schattigen Grüßen aus dem winterlich heißen Togo,
Sabrina